Geplatzte Träume

Fahles Licht drang durch die Vorhänge ins Zimmer, erst gegen Morgengrauen hatte der Verkehrsstrom abgeflaut und Alba war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Im Dämmerzustand nahm sie eine leichte Berührung an der Schulter wahr, verschwommen registrierte sie Monas Gesicht dicht vor ihrem, ihr Haar war wieder unter das Kopftuch gebändigt, die Kreolenohrringe abermals angesteckt. «Ich gehe nach unten und trinke schon mal einen Chai», sagte sie sanft. «Um neun Uhr sollten wir losfahren können.» Alba fühlte sich gerädert, die wirren Träumen liessen sich kaum zurückdrängen und krallten sich an den Rändern ihres Bewusstseins fest. Sie richtete sich im Bett auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht, mit aller Kraft stemmte sie sich aus dem Bett und trottete ins Badezimmer.

Im Frühstücksraum war Mona in die Morgenzeitung vertieft, vor sich eine dampfende Tasse Schwarztee. Sie hob den Kopf, als sich Alba an den Tisch setzte, ihr Blick prüfend.
«Wie hast du geschlafen?»
«Miserabel.» Alba stützte ihr Kinn auf, die Augenlider zuckten. «Es verfolgt mich. Bei jedem vorbeifahrenden Auto dachte ich, es ist Eric.»
Mona faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie auf das fleckige Tischtuch. «Möchtest du, dass ich ihn anrufe?»
Albas Körper verkrampfte sich. «Was soll das bringen?» Sie schluckte. «Ich kann nicht mehr nach Kairo zurück. Meine Angst ist zu gross.»
Mona führte ihr Glas an die Lippen, pustete hinein, dann nahm sie vorsichtig einen Schluck.
«Und, was hast du vor?»
Alba zuckte die Schultern.
«Vielleicht fahre ich auf den Sinai und dann weiter nach Israel.»
«Und dann?»
Alba senkte den Blick, spielte mit den Stofffäden des Tischtuchs, die vom Saum baumelten.
«Von Tel Aviv aus gibt es Direktflüge in die Schweiz.»
«Bist du dir sicher?» Mona lehnte sich nach vorn, zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich kurz eine senkrechte Falte. «Gib ihm nicht so viel Macht über dich. Heute Abend erreichen wir Siwa und warten im Hotel auf Mohammed und Dylan. Lass uns dann nochmals darüber sprechen.»
Alba nickte, pustete gedankenverloren in ihren heissen Tee. Die klebrige Süsse weckte sie und schien die schlechten Träume zu vertreiben. Sie ass sogar etwas Joghurt und Fladenbrot, mit einem Messer köpfte sie das hart gekochte Ei und musste zuerst an Eric, dann plötzlich an Abbas denken. Sie führte einen Teelöffel mit der labbrigen Substanz zum Mund, hielt mitten in der Bewegung inne, liess ihn wieder sinken, ihr Magen verkrampfte sich. Voller Ekel schob sie den Eierbecher von sich weg. «Von mir aus können wir los.»

Die Strasse führte der Küste entlang nach Westen, zu ihrer Rechten ein schmaler Streifen künstlich bewässertes Land, zur Linken erhoben sich die Dünen. Umzäunte Ferienanlagen, aber statt Touristen nur Bungalows, von denen der Putz bröckelte, in der Mitte ein Pool mit trübem Wasser. Mancherorts waren erst die Grundmauern in den begrünten Boden eingelassen. Alles wirkte verlassen, trostlos, in der Luft die Atmosphäre drohenden Unheils. Monas Handy klingelte, «Aiwa?», antwortete sie und schob das Gerät zwischen ihre rechte Wange und den Stoff ihres Kopftuches. Der tiefe Klangteppich ihrer Stimme mit den Kehllauten lullte Alba ein, sie betrachtete ihre Freundin im Profil, beide Hände fest am Lenkrad, den Blick konzentriert auf die Fahrbahn gerichtet, in ein intensives Gespräch vertieft. Von Zeit zu Zeit überholten sie einen Wagen. Alba sank immer tiefer in eine Wolke des Schweigens, während sie ihren Blick über die maroden Bauten wandern liess, alles Zeugnisse geplatzter Träume. Ab und zu tauchte ein Parkplatz auf, die blechernen Karosserien leuchteten im hellen Sonnenschein, schwarzglänzende Offroader standen neben verbeulten Wagen aus zweiter oder dritter Hand.
«Für die Strände muss man Eintritt bezahlen», bemerkte Mona, dann fiepte ihr Handy erneut. Sie murmelte eine Entschuldigung. «Aiwa?» und war schon wieder in ein neues Telefongespräch verwickelt, manchmal zeigte sich die senkrechte Falte zwischen ihren sorgfältig gezupften Brauen. Alba verstand einzelne Wörter wie «Habibi», «Elhamdullilläh», und immer wieder «meshi, meshi» (in Ordnung). Nach einer halben Ewigkeit erreichten sie die Randbezirke von Marsa Matru, Flachdachbauten und Satellitenschüsseln, der Verkehr wurde dichter, Mona setzte den Blinker und brachte den Wagen an einer Tankstelle zum Stehen, Schweissperlen glänzten auf ihrer Stirn.
«Hier müssen wir volltanken, danach fahren wir bis Siwa nur durch Wüste.» Alba nickte, stiess die Wagentür auf, streckte ihre starren Glieder. Dann steuerte sie auf das Gebäude zu, «Wo ist die Toilette?», fragte sie den Tankstellenwart auf Arabisch, er zeigte auf die Hinterseite des Baus. Danach kaufte sie bei einem jungen Mann mit abstehenden Ohren Wasser, Chips und zwei Pappbecher Kaffee. Mona stand mit dem Rücken an der   Kühlerhaube, ein Fuss aufgestützt.
«Zucker?», doch diese lehnte dankend ab. «Am liebsten trinke ich ihn Schwarz.» Sie nahm einen kleinen Schluck. «Ich habe vorhin mit Mohammed telefoniert. Er fährt noch heute nach Heliopolis und schaut nach, ob Eric noch in Kairo ist.
Albas Magen krampfte sich zusammen. «Aber …»
«Ich habe ihm gesagt, dass wir Eric brauchen wegen Abbas, und das entspricht ja der Wahrheit.»
«Er ist bestimmt schon über alle Berge.»
«Dieser Feigling», zischte Mona.
«Willst du Rania auf ihn hetzen?», fragte Alba mit dem Anflug eines Lächelns.
«Warum nicht?» Mona legte ihren Kopf in den Nacken und leerte den Becher in einem Zug.
«Lass uns fahren. Wir haben noch dreihundert Kilometer vor uns.»
Im Zentrum zweigte eine Strasse ab, auf dem verwitterten Wegweiser ineinander verschlungene Arabische Schriftzeichen. «S-I-W-A», entzifferte Alba halblaut.
«Das ist die einzige Strasse, die durch die Quattara-Senke führ», sagte Mona. «Sie existiert gar noch nicht so lange, sie zu bauen hat zehn Jahre gedauert.»
Vom besiedelten Landstrich erreichten sie übergangslos Wüstengebiet, topfeben und gleissend hell, Alba wurde schwindlig, rote Lichtpunkte tanzten vor ihren Augen. Sie kniff die Augen zusammen, suchte den Horizont vergeblich nach einer Regenwolke ab. Sie fühlte sich wie ein in der Sonne vor sich hintrocknender Salamanderkadaver, zusammen-geschrumpft, saftlos, verwelkt. Verdorrte Zweige von Buschwerk ragten in den hellen Himmel wie spitze schwarze Finger, beim Anblick dieser kilometerweiten Ödnis krampfte sich Albas Brust zusammen, die extreme Enge nahm ihr fast den Atem. In dieser offenen Landschaft fühlte sie sich ungeschützt und verloren, wie ein Nichts in einem Meer aus Nichts.
«Das hier ist doch kein Ort zum Leben», murmelte Alba gedankenverloren, stützte sich mit dem Oberarm auf den Fensterrahmen.
Mona zuckte die Schultern «Mikroformen von Leben sind auch unter diesen extremen Bedingungen möglich, du solltest die Wüste sehen, nachdem es geregnet hat, überall spriessen winzige Gräser, bilden einen wunderschönen grünen Teppich.»
«Wie oft regnet es?»
«Praktisch nie. Südägypten ist sogar noch regenärmer. Siebenjährige Kinder wissen dort nicht, wie sich Regen anfühlt.»
«Ich fühle mich ausgewrungen und ausgetrocknet.»
«Es wird besser. Denk an Gorhan. Kannst du dir vorstellen, wie sehr er sich freuen wird, uns zu sehen?»
Sie schossen auf der einsamen Strasse dahin, weit und breit keine Spur von Mensch oder Tier. Mona runzelte die Stirn.
«Siehst du das da vorne?» Mona deutete mit dem Zeigefinger durch die Windschutzscheibe auf die schnurgerade Strasse. Ein Wolkenband in Gelb- und Ockertönen türmte sich in einiger Entfernung vor ihnen auf, schien näher zu kommen. Ein Wind frischte auf, durch das offene Autofenster wirbelte er Alba durch das Haar und zerrte Mona am Kopftuch, Sandverwehungen landeten auf der Kühlerhaube und auf der Strasse, Mona drosselte das Tempo, das Auto holperte, kam zum Stehen, der Motor erstarb.
«Ein Sandsturm», sagte Mona, in der Stimme ein Anflug von Panik. «Schliess das Fenster.»
Alba kurbelte am Fenstergriff, jedoch in die falsche Richtung, sodass sich die Scheibe noch mehr senkte, Sand drang ihr in Augen, Mund und Nase, alles um sie herum wurde gelblich, es verschlug ihr den Atem. Sie verlor den Griff, fieberhaft tastete sie die Innenwand nach der Kurbel ab, «schliess das verdammte Fenster», hörte sie Mona gegen das Heulen des Windes rufen. Plötzlich spürte sie, wie Mona über ihren Schoss hechtete, die Kurbel packte und kurbelte, sie hatte ihr Kopftuch gelöst, den Stoff presste sie sich vor Mund und Nase. Die Scheibe glitt in die Abdichtung, eine unheimliche Stille breitete sich in aus, heftig schlug der Wind gegen den Lancia. Mona atmete schnell, kroch auf ihren Platz zurück, richtete ihr Kopftuch. «Ohne ein Tuch vor Mund und Nase bist du verloren.»
«Es tut mir leid.»
«Kein Ding.»
Mit Sand gefüllte Luft rollte heran, türmte sich vor ihnen auf. Die Winde zerrten am Wagen, schüttelten ihn heftig, Alba fühlte sich wie in einem Kokon, trotzdem tastete sie schutzsuchend nach etwas, woran sie sich festhalten konnte.
«Hier drin sind wir sicher», versuchte Mona Alba zu beruhigen. «Hast du gesehen, ein Kopftuch hat doch nur Vorteile?» Sie brachen beide in Lachen aus, es löste die Anspannung.
«Kommt das häufig vor?», fragte Alba.
«Für diese Jahreszeit ist es eher ungewöhnlich.»
«Wie lange kann das dauern?»
Der Wind zerrte an den Seitenspiegeln.
«Ein paar Stunden wahrscheinlich.»
Alba spürte, wie sich ein Kloss im Hals bildete. Ihr Blick fiel auf die Wasserflaschen zu ihren Füssen.
«Hoffen wir, dass das Wasser reicht.»
«Im Notfall trinken wir das Kühlwasser», sagte Mona.Alba schluckte leer und lauschte schweigend dem Pfeifen des Windes.

Paranoia

Alba streifte die Kleider ab, liess sie achtlos zu Boden sinken. Nackt ging sie zum Schlafzimmerfenster und öffnete es. Ihr Blick wanderte über das ordentlich gemachte Bett und die frisch gewaschenen Kleider auf dem Stuhl. Es war ihr, als wäre sie eine Ewigkeit weggewesen. In der geöffneten Fensterscheibe spiegelte sich ein heller Mond, fast voll. Sie machte kehrt und ging ins Badezimmer, die Neonröhre flackerte nervös auf, dann erlosch sie. Alba entwich ein Fluch. Zum Glück spendete der Mond etwas Licht durch das Fenster. Sie stieg über das kleine Mäuerchen in die Dusche, alte Rohre schlängelten sich der Mauer entlang, der Putz bröckelte. Sie drehte den Wasserhahn auf, das kalte Wasser strömte auf ihren Kopf und den Körper, sie schloss die Augen, spürte, wie sich Schmutz, Fett und Schweiss von der Haut ablösten, der Abfluss gurgelte, als das Dreckwasser kreisend darin verschwand. Sie drehte den Hahn ab, angelte sich ein Handtuch, trocknete sich ab und trat aus der Dusche, da bemerkte sie, wie sich ein dunkler Schatten an der Wand abzeichnete. Sie stiess einen spitzen Schrei aus.
«Schhh, ich bin’s», sagte eine Stimme. Im Licht zwischen Dunkel- und Helligkeit erkannte sie Erics Silhouette.
«Eric, du hast mich zu Tode erschreckt.» Sie presste ihr Handtuch an den Körper, mit der anderen Hand stützte sie sich an die Kacheln, ihr Atem raste.
«Es tut mir leid», meinte er reumütig. Ich habe deinem Bauwäb gesagt, er soll mich anrufen, wenn du nach Hause kommst. Ich muss dich sprechen.»
«Bist du wahnsinnig?» Albas Herz pochte immer noch. Ihre Nacktheit und die Enge des Badezimmers verstärkten ihren Drang, wegzukommen.
«Ich möchte mir etwas anziehen.»
«Klar.» Zielstrebig steuerte sie zum Ausgang, als sie an ihm vorbeiging, beugte er sich mit dem Kinn zu ihr hinunter.
«Hallo, übrigens.» Er wollte sie küssen, doch Alba drehte den Kopf weg.
«Setzen wir uns ins Wohnzimmer.»
Später sassen sie sich gegenüber, Alba in einem schmalen schwarzen Baumwollkleid mit Spaghettiträgern.
«Seit wann rauchst du?», fragte sie.
Eric zog gierig an einer Zigarette, seine Finger zitterten, als er sie zum Mund führte und einen Zug nahm. «Ach», er machte eine wegwerfende Handbewegung. «Das ist nur vorübergehend.» Er stiess den Rauch aus. «Hör zu, ich bin bedroht worden.»
«Du bist was?»
«Man hat mich vor meinem Haus abgefangen, mich brutal geschlagen und gewürgt, bis ich fast keine Luft mehr bekommen habe.» Seine Augen flackerten nervös. Erst jetzt erkannte Alba die Schrammen unter seinem linken Auge.
«Sie haben mich immer wieder als Verräter beschimpft. Sie müssen herausgefunden haben, dass ich Abbas kenne.»
Alba wurde kreidebleich. «Das ist ja schrecklich.»
«Mit dem Innenministerium ist nicht zu spassen. Ich glaube kaum, dass meine Akkreditierung verlängert wird, geschweige denn mein Visum.»
Er machte eine Pause. «Ich habe bereits mit den Leuten in London gesprochen. Sie wollen mich in den Libanon versetzen. Dort ist die Stimmung völlig anders. Dort könnten wir so richtig zusammen sein.»
Alba starrte Eric an, wie gelähmt.
«Komm mit mir in den Libanon», fügte er mit Nachdruck hinzu.
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
«Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen?»
«Nein», presste sie heraus.
«Was meinst du mit nein?»
Alba stellte sich vor, wie sie im Libanon Erics Haushalt besorgte und Stunden damit verbrachte, auf ihn zu warten. Sie schüttelte heftig den Kopf, der Gedanken war ihr lästig wie eine nervige Fliege.
«Ich will nicht. Hier in Kairo habe ich ein Netzwerk. In Beirut kenne ich niemanden.»
«Aber wir haben doch uns
Alba lachte auf. «Mach dich nicht lächerlich.»
Glaubst du immer noch, dass ich etwas mit dieser langweiligen Fernsehtussi hatte? Willst du mein Telefon nach irgendwelchen Indizien durchsuchen?» Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. «Hier, tu es!»
«Ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt.»
Er pflanzte sich vor ihr auf. «Und wohin soll ich deiner Meinung nach gehen? Seit diese Leute zu mir nach Hause gekommen sind und mich an meinen eigenen Küchenstuhl gefesselt haben, finde ich keine Ruhe mehr, bei jedem Geräusch zucke ich zusammen, jedes Rascheln alarmiert mich. Und wenn ich vor lauter Müdigkeit doch einmal einschlafe, träume ich, dass mir mit brennenden Eisenstäben die Augen ausgestochen werden.»
«In deiner Paranoia fällt dir also plötzlich ein, dass du mich brauchen könntest?», blaffte sie ihn an.
«Auf wessen Seite stehst du eigentlich?» Er fasste sie an den Handgelenken und drückte zu. Panik stieg in Alba auf.
«Lass mich sofort los», ihre Stimme bebte.
«Einen Dreck werde ich tun.»
Er umklammerte ihr Handgelenk noch härter, wie im Schraubstock und begann damit, feuchte Küsse auf ihren Hals zu verteilen.
Alba drehte den Kopf weg, wand sich, aber er war stärker.
«Eric, hör sofort auf.»
Er schubste sie zum Sofa. Alba schrie, er presste seine Hand auf ihren Mund, erstickte ihre Schreie. Er schlug sie hart ins Gesicht, stiess sie aufs Sofa, öffnete den Gurt seiner Hose.
«Bitte nicht, Eric …», winselte Alba, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Alba stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, es gelang ihr aufzustehen, sie machte ein paar Schritte, stolperte, er bekam sie zu fassen und schleifte sie zurück auf Sofa, kniete sich auf sie, mit einer Hand presste er ihr die Hand auf den Mund, mit der anderen riss er ihr den Rock hoch, Alba hörte das Reissen von Stoff, ein quälender Schrei drang aus ihrer Kehle, als er gewaltsam in sie eindrang, heisse Tränen glitten an ihren Schläfen herunter, glänzten im silbernen Schein der Nacht.

Drunken phone call

Doch Alba lehnte höflich ab, freute sich auf einen schönen Abendspaziergang. Zu Fuss ging sie der Strasse entlang, verbeulte Wagen rauschten an ihr vorbei, spuckten Abgaswolken in ihr Gesicht. Sie liess ihr Blick über das Meer schweifen, ein dramatischer violett-roter Himmel ging ins dunkle Blau des Ozeans über. Sie starrte über die endlose Weite des Meers, irgendwo dort lag Europa, so nah und doch unendlich fern. Vor dem Ausbruch des Syrienkriegs hatte man via Autofähre von Alexandria nach Athen oder Venedig gelangen können. Eine Welle Heimweh schlug über Alba zusammen, ihr Herz verkrampfte sich. Sie sehnte sich nach der Sicherheit und Vertrautheit ihres eigenen Landes, aus der Ferne betrachtet kam ihr die Schweiz vor wie eine gütige Grossmutter mit runden Hüften und gehäkelten Tischdeckchen, vielleicht etwas träge und langweilig, aber verlässlich und wohlwollend. Sie wühlte in ihrer Tasche, suchte ihr Handy, plötzlich hielt sie einen zerknüllten Zettel in der Hand, in Abbas gleichmässiger Schrift war darauf der Name eines Fischrestaurants geschrieben. Tränen schossen ihr in die Augen, sie blickte zum Horizont, wo die Sonne gerade als glutroter Feuerball im Meer versank, ein Tränenschleier vernebelte ihr die Sicht und nässte ihre Wangen, als sie auf dem unbefestigten Strassenbelag über Schutt und Geröll stolperte.

Das Fischrestaurant war mitten in die Altstadt gequetscht, «sämäk» in schwungvollen arabischen Buchstaben auf die Tafel geschrieben. Sie legte die Sonnenbrille auf den Tisch, die Augen verquollen, suchte sie mit der Tasche auf den Knien nach einem Taschentuch. Dabei fiel ihr das Handy in die Hand. Sie schaltete es ein, es leuchtete. 23 missed calls von Eric. Sie putzte sich gerade lautstark die Nase, da schrillte das Handy erneut, die vier Buchstaben von Erics Namen blinkten auf, aggressiv und fordernd.

«Hallo?», antwortete Alba müde.
«Warum gehst du nie ran?», zischte Eric vorwurfsvoll.
«Ich bin in Alex. Ich hatte doch das Interview mit Professor Abla.»
«Na und? Ich habe ständig Interviews», er pausierte, mit schwerer Zunge fuhr er fort: «Deswegen musst du nicht gleich dein Handy ausschalten.»
«Bist du etwa angetrunken?»
Er ignorierte ihre Worte, lallte stattdessen: «Das kann dich dein Leben kosten.»
«Was ist los mit dir?» Alba stellte sich Eric vor, wie er in der winzigen Küche seines Einzimmerapartment sass, sein Haar sorgfältig verstrubbelt, vornüber gebeugt, den Kopf aufgestützt, vor sich ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit.
«Gerade wir Ausländer sind im Visier der Geheimpolizei. Wir könnten ja Spione sein», höhnte er.
Alba wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
«Hast du etwas von Abbas gehört?»
«Er soll verlegt werden», sagte er, durchs Telefon hörte sie, wie er einen Schluck nahm.
«Ich habe mit seiner Mutter gesprochen.»
«Verlegt? Wohin?» Albas Herzschlag trommelte gegen ihren Brustkorb.
«In ein Wüstengefängnis.» Er lachte bitter. «Als wäre Tora nicht schlimm genug.»
«Was passiert jetzt mit ihm?»
Eric grunzte. «Er wird einem Richter vorgeführt. Wenn er Glück hat, bekommt er vorher noch Einsicht in seine Anklageschrift.» Er machte eine Pause. «Alba?»
«Ja?»
Ich habe deine Stimme vermisst.»
«Du bist betrunken.» Ohne ein weiteres Wort hängte sie ein. Ihre Hand zitterte leicht, als sie ihr Handy zurück in die Tasche schob. Ein leichter Wind frischte auf, als der Kellner das Essen brachte, ein Fisch verströmte einen Geruch, der ihr Übelkeit verursachte. Sie rümpfte die Nase, schob den Teller weit von sich weg.

Wogende Wellen

Die zweistündige Zugfahrt im klimatisierten Zweitklasseabteil hatte an grünen Feldern und arbeitenden Fellachenfamilien durch das fruchtbare Niltal geführt. Kaum in Alexandria angekommen, winkte Alba eines der leuchtend gelben Taxis herbei. «Zur Bibliothek», sagte sie zum schnauzbärtigen Taxifahrer und rutschte auf den Sitz. Ungeduldig klammerte sie sich an die Sitzlehne des Beifahrersitzes und reckte den Hals, um etwas von den engen Strassen der Altstadt mit den ineinander verschachtelten Gebäuden zu sehen. Obwohl die Stadt nördlich von Kairo lag, strahlte sie ein südliches Flair aus.

«Wo ist das Meer?», fragte sie den Taxifahrer. Er lachte, nahm eine Hand vom Steuer und bewegte sie beschwichtigend auf und ab. «Gleich, gleich.» Als sie bei Rotlicht über eine Kreuzung schossen und dann die Uferstrasse entlangfuhren, breitete sich der glitzernde Ozean vor ihr aus, kleine Schiffchen schaukelten wie helle Wattebausche auf dem Wasser. Irgendetwas in Albas Brust öffnete sich, wurde weit, all der Druck der letzten Zeit fiel von ihr ab, in Alex rauschte der Verkehr gemächlicher, die Leute fuhren anständiger, «liebliches Alex», murmelte Alba, kurbelte das Fenster herunter und atmete die salzige Meeresluft ein. Einen Moment lang schloss sie die Augen, als sie wieder öffnete, erblickte sie eine grosse Möwe, die gerade ihre Schwingen ausbreitete und zum Flug ansetzte.

In einer Kurve hielt der Fahrer und deutete auf das Bauwerk direkt an der Strasse. «Das ist die Bibliothek.» Alba reichte ihm einen Geldschein, bedankte sich und knallte die Tür hinter sich zu. Eine flache Treppe führte zum Eingang des imposanten Gebäudes, mit seinen terrassenförmigen Treppenstufen und der Glaskuppel erinnerte es Alba an eine Muschel. Der Professor erwartete sie bereits.

«Der Meerzugang macht Alexandria zu einer offenen Stadt», sagte Mahmoud Abla. «Das meine ich durchaus auch geistig. Seit jeher haben sich hier Künstler und Intellektuelle niedergelassen und sich von der Umgebung inspirieren lassen, Alexandria ist Schauplatz zahlreicher Romane», fuhr er fort. Ist das Ihr erster Besuch?», fragte der weisshaarige Mann.

Alba nickte. «Alexandria scheint wirklich etwas ganz Besonderes zu sein.»

«Miss Wolf, wie kann ich Ihnen helfen?», fragte der Professor.

Alba räusperte sich. «Zuerst möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen um mich zu empfangen. Ich drehe einen Dokumentarfilm über sexuelle Belästigung in Ägypten, und daher gelange ich an Sie, Ihr Forschungsinstitut setzt sich ja mit diesem Thema auseinander.»

«Miss Wolf, hier in unseren Räumlichkeiten treffen sich jährlich über tausend Leute aus aller Welt, um in Podiumsdiskussionen und Referaten über das Problem der sozialen Ungleichheit zwischen Mann und Frau unter den Geschlechtern zu diskutieren. Im Grunde ist allen klar, dass wir zuerst dieses Problem lösen müssen, bevor wir uns an die anderen Themen wagen können.»

Albas Telefon vibrierte in der Tasche, der Professor hob die buschigen Augenbrauen. Schnell griff Alba in ihre Handtasche, Eric, las sie auf dem Display. Sie drückte ihn weg, murmelte eine Entschuldigung.

«Aber schauen sie sich einmal den Rest der Welt an, sind Frauen da wirklich frei? In China und Indien zum Beispiel ist die Lage fast noch prekärer als bei uns, und wenn Sie einen Blick auf die Industrienationen werfen, nehmen wir zum Beispiel die USA, England, Deutschland oder Schweiz: Sind die Frauen da wirklich gleichberechtigt?»

Alba neigte den Kopf zur Seite, dachte nach. «Gesellschaftlich gesehen vielleicht nicht, aber vor dem Gesetz schon.»

«Das sind sie bei uns hier in Ägypten auch.»

«Ach ja?»

«Das Problem ist, dass es immer darauf ankommt, wie die Gesetzestexte ausgelegt werden. In vielen Industrienationen ist die Präambel  «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» im Gesetzesbuch verankert, und trotzdem wird sie immer mit Füssen getreten.»

«Wissen Sie, ich bin jetzt 23 und verstehe immer noch nicht weshalb.» Der Professor lachte ein lautes Bärentöterlachen. «Ich bin 73 und verstehe noch nicht warum.»

Sein Gelächter ebbte ab, er wurde wieder ernst: «Es hängt mit der biologischen Fähigkeit der Frau zusammen, Leben zu gebären. Mutterschaft ist eine Wahl, aber der Preis dafür wird nur von den Frauen in dieser Gesellschaft bezahlt.» Erst jetzt fielen Alba die schöne Farbe seiner Augen auf. «Bitte verzeihen Sie mir den Vergleich, aber erst wenn wir unsere Kinder im Internet bestellen können, sind Mann und Frau wirklich gleichberchtigt.»

Wieder blinkte das Telefon in ihrer Tasche, das sie inzwischen stumm geschaltet hatte. Möglichst unauffällig griff sie erneut in ihre Tasche, dieses Mal stellte sie das Telefon ganz aus. «Eine Frau ist einem Mann an Mut ebenbürtig», sagte Alba, fast trotzig.

«Sie sind der lebendige Beweis für diese These. Eine Frau ist nicht wie der Mond, sie hat ihr eigenes Licht. Aber zumindest in diesem Teil der Welt hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.»

Asphaltgrün

Helligkeit drang durch die Lamellen in Albas Zimmer. Sie schlug die Augen auf und nahm das Gefühl des Buddha-Lächelns wahr, das aus der Tiefe ihres Inneren durch ihren Körper flutete, strahlend und nährend. Sie lag da ohne sich zu bewegen, als laufe sie in Gefahr, durch den Wachzustand nicht nur den Schlaf abzustreifen, sondern auch die Erinnerung an die gestrige Nacht zu verwirken. Und heute würde sie diesen Mann bereits wiedersehen! Sie schlug das Laken zur Seite und hüpfte aus dem Bett. Während der Kaffeekocher auf dem Herd blubberte, setzte sie sich mit Slip und T-Shirt ans Laptop und durchsuchte das Internet nach TV-Beiträgen von Eric, fünf Treffer, ein Video-Porträt über Gaddafi, drei Beiträge über das Leben der Beduinen, eine Live-Schaltung aus Tripolis. Auf der Webseite von BBC stiess sie auf sein Foto, die Haare kürzer geschnitten, Hemd mit Krawatte, der nette Nachbar von nebenan. Nur der wilde Blick liess seine Abenteuerlust erahnen. Im kurzen Text über seine Person keine näheren Angaben zu Familienstand oder Kindern. Sie seufzte, machte den Browser zu. Dieser Mann war gute zehn Jahre älter als sie, musste sie da nicht automatisch davon ausgehen, dass er Frau und Kinder hatte?

Als sie durch die Drehtür des Schnellrestaurants schwang, erblickte sie seine hoch gewachsene Statur sofort, in eine Zeitung vertieft sass er am gedeckten Frühstückstisch, unrasiert, aus einer Plastiktasse dampfte es. Durch den Lufthauch von der Tür bemerkte er ihr Ankommen, hob den Kopf und lächelte. Er erhob sich, ein menschlicher Baum auf zwei Beinen, «Al-Ahram» immer noch in der Hand, sanft-kratzig der Kuss auf die unrasierte Wange, das Papier zwischen ihnen raschelte. Alba nahm auf dem Stuhl vis-à-vis Platz, ein Bein faltete sie unter das andere, nur für die Hände irgendwie kein Platz.

«Frühstück?», er schnippte mit dem Finger, suchte Blickkontakt mit der Servierhilfe. «Hast du gewusst, dass in Kairo jeder nur dreizehn Quadratzentimeter Grünfläche zur Verfügung hat?» Er schob sich einen Löffel Foul in den Mund, kaute hastig.Ich habe heute ein Interview mit dem Stadtplaner von Kairo», sagte er, «mal schauen, was er dazu sagt.»
Ein junger Mann in einer fleischfarbenen Schnellimbissuniform und einem Notizblock blickte Alba fragend an, «ich hätte gern Tee und Toast», sagte sie, presste die feuchten Hände auf die Tischplatte. Der spitzbübische Ausdruck im Kellnergesicht wich Verlegenheit, er schob den Schirm seiner Mütze etwas zurück, englische Sätze wie Giftpfeile. Eric wiederholte Albas Bestellung auf Ägyptisch, der Bursche nickte knapp und entfernte sich, liess seine langen Arme und Beine schlenkern.
«Auf dem Sinai hingegen gibt es viele Projekte, die die Wüste als landwirtschaftliche Zone nutzbar machen wollen. Ausländer leben dort in kleinen Gemeinschaften und ziehen biologisches Gemüse.»
«Aber funktioniert das denn?», fragte Alba.
«Im kleinen Stil wahrscheinlich schon.»
«Das klingt interessant. Da würde ich gern mal einen Einblick bekommen.»
«Die suchen bestimmt immer Freiwillige. Im Übrigen gäbe es eine gute Story. Wenn du Lust hast, kannst du mich auf Reportage begleiten.»
«Ehrlich?», sagte Alba hastig, und wusste selbst nicht, was sie mehr interessierte: das Projekt oder die Aussicht auf eine Sina-Reise mit einem abenteuererprobten Wüstenmann.
«Natürlich», er leerte seine Kaffeetasse in einem Zug. «Ich muss zu meinem Interview. Sehen wir uns heute Abend?» Ohne ihre Antwort abzuwarten, packte er seine Kamera unter dem Tisch und durchmass mit wenigen Schritten den Raum.
Alba blieb am verkrümelten Frühstückstisch sitzen, ihr Herz flatterte wie ein gelber Schmetterling im asphaltierten Strassenlabyrinth Kairos.

Nach dem Frühstück streifte sie durch das Viertel, wich Löchern und Schutt aus, zwischen den ockerfarbenen Häusern und dem klaren, blauen Himmel schepperte ein Strassenverkäufer mit seinem Fahrradanhänger über den Asphalt, darin zitterten Blätter in einem satten Grün. Alba beschleunigte ihren Schritt, folgte dem Mann durch Abgaswolken und zubetonierte Strassenzüge, ihr Atem ging schwer, als sie ihn eingeholt hatte, ausdrucksstarke Augen in einem gebräunten Gesicht. Alba entschied sich für eine Palme mit spitzig auslaufenden, schmalen Blättern, sie reichte ihr fast bis zur Brust, beim Heimtransport klebte ihr T-Shirt am Oberkörper, ein Film aus Schweiss und Staub auf der Haut, doch das Grün der Pflanze schien das ausgetrocknete, beinahe unmöblierte Schlafzimmer zu beatmen.

Abends sass sie mit Ian, Mohammed und Eric im alten islamischen Teil der Stadt in einem Kaffeehaus, die Aussicht auf die kuppelförmige Moschee mit dem geschwungenen Eingangsportal und den zinnenverzierten Aussenwänden magisch, von einem grossen Platz führten verwinkelte Gässchen in ein kopfsteingepflastertes Wirrwarr. Auf den Flachhausdächern hing Wäsche zum Trocknen, zu dieser Jahreszeit frischte abends oft ein Wind auf, der an den Kleidern und T-Shirts zerrte. Am Nebentisch spielten einige Männer lautstark Backgammon, Eric beugte sich ganz nah zu ihr, am liebsten hätte Alba seinen Wuschelkopf mit den Händen verstrubbelt.
«Drehen wir eine Runde?», fragte er, mit klopfendem Herzen willigte Alba ein.
Seine langen Beine schlenkerten, als sie durch die kopfsteingepflasterten Gässchen spazierten, an Duftstoffverkäufern oder Teppichhändlern vorbei. Alba fühlte sich neben diesem langen Mann geborgen wie ein Kind, sie sog die von der Nacht abgekühlte Luft in die Lunge, seufzte. «Ich liebe die Kairoer Nächte.»
«In dieser Hinsicht ist Kairo einmalig, die Stadt beginnt den Tag nach Einbruch der Dunkelheit erneut. Um diese Uhrzeit wäre in Tripolis schon Schlafenszeit.»
Alba kicherte. «Und in der Schweiz erst recht.»
«Ich mag die Schweiz, ich war ein paarmal in Genf, auch in Montreux am Jazz Festival. Wunderschöne Landschaften und gute Schokolade.»
«Darf ich dich etwas Persönliches fragen?»
«Ja klar.»
«Bist du verheiratet?»
Eric lachte schallend.
«Sehe ich so aus?»
Alba zuckte die Schultern, schürzte die Lippen, peinlich berührt und gleichzeitig erleichtert.
«Ich war lange mit einer Frau namens Suzanne zusammen, wir waren verlobt.»
Sein Gesicht verdüsterte sich.
«Was ist passiert?»
«Ein anderer.»
«Das tut mir leid.»
«Muss es nicht. Komm, ich habe eine Idee.» Er führte sie in den Innenhof einer kleinen Moschee. Davor sass ein bärtiger Mann mit einer gehäkelten Gebetsmütze. Eric reichte ihm ein paar Münzen. Zum Dank verbeugte sich der Mann tief und schlurfte zu einer unauffälligen Türe mit einem Rundbogen. Gemeinsam stiegen sie die gewundene Wendeltreppe des Minaretts hoch. Alba schwindelte beim Anblick der labyrinthisch angelegten Gassen, die Kuppeln und Minarette der Moscheen schimmerten mild im Schein der Lämpchen, Verkehrsrauschen und Huplärm wurden vom Nachthimmel verschluckt. Der Boden unter Albas Füssen schwankte.
«Und du? Hast du im Moment jemanden?» Er lachte heiser, trat hinter sie, drückte sie eng an sich, warme Hände auf ihrem Bauch, ihre Knie englischer Pudding. Wie lange war sie nicht mehr von einem Mann umarmt worden? Ungelenk drehte sie sich um und schüttelte den Kopf, dann legte sie ihn auf seine Brust, schloss die Augen, sog seinen Geruch ein.
«Ich muss dir etwas gestehen», flüsterte sie, ihr Mund nah bei seinem Ohr. «Ich komme zwar aus der Schweiz – aber schwindelfrei bin ich nicht.»

Matrosenleben

Er legt den Kopf in den Nacken und lacht, die Matrosenmütze rutscht nach hinten, er greift nach ihr und schiebt sie zurück auf den Kopf, sein Bärentöterlachen nimmt mich gefangen, seine Hände sind warm und stark, ich möchte von ihm gehalten, nur noch gehalten werden. Die Liebe ein Rausch, vernebelt sie mir das Gehirn, die Glückshormone sind mit ihm über das Meer gekommen, gut verpackt in einer schweren Holzkiste, doch ich habe den Schlüssel gefunden, das Holz ist morsch, «wir segeln zusammen um die Welt», höre ich mich in den Telefonhörer sagen, wickle das Kabel des Münzapparates um meinen Zeigefinger, meine Mutter am anderen Ende der Leitung japst nach Luft. In den Ecken stinkt es nach Urin, die verwinkelten Hafengässchen ein Labyrinth. Ich bin ihm verfallen und seine Liebe knebelt mich. Im Kerzenschein essen wir Dosenfutter, die Wellen glucksen, zum Geburtstag zimmere ich ihm einen Tisch aus alten Schiffsplanken. «Das Meer murmelt seine Geschichten», sagt er und streichelt mir über die Wange, lächelt. «Kannst du es auch hören?» Ich blicke ihn an, nicke schnell, meine Wangen glühen.

Kopfsteinpflaster

Die Sonne blendet mich, mit der rechten Hand schirme ich die Augen ab, mit der anderen führe ich die Dattel zum Mund, koste ihre Süsse. Meine Lider schmerzen, der Singsang von arabischen Totengesängen widerhallt an den Hauswänden, ich stolpere, auf dem Kopfsteinpflaster schlage ich mir das Knie blutig. Ich krümme mich, auf allen Vieren krieche ich weiter, suche blind nach Halt, schürfe mir die Handflächen auf, Steinchen dringen in die Wunde ein, aber ich achte nicht darauf, spüre keinen Schmerz. Mit aller Kraft stemme ich mich weiter. Nur nicht anhalten. Wenn ich jetzt aufgebe, stehe ich nie mehr auf. Ich muss leben. Überleben.

Wüstenhochzeit

Eine Million Quadratkilometer von Ägyptens Fläche bestand aus Wüste. Alba konnte sich das im dicht besiedelten Kairo kaum vorstellen.
«Jeder Vierte Ägypter lebt in Kairo», erzählte ihr Mohammed eines Abends auf dem Dach des Carlton Inn. Es war Donnerstagabend und das Wochenende lag ausgebreitet vor ihnen, ein kitzelnder, verheissungsvoller Teppich. Er lachte. «Früher oder später landen wir eben alle in Kairo.» Er selbst stammte ursprünglich aus Luxor, seine Familie war seit Jahrzehnten im Tourismusgeschäft tätig, doch da er Männer liebte, gab es für ihn im konservativen Luxor keinen Platz. «Abbas’ Familie kommt aus dem östlichen Nildelta, ist aber vor zwei Jahren nach Kairo übersiedelt. Rashid ist der einzige von uns, der wirklich in Kairo aufgewachsen ist. Im Armenviertel Embeda bei seiner verwitweten Mutter.»
«Hast du Geschwister?», fragte Mohammed.
«Drei ältere Schwestern. Mein Vater hat die Familie verlassen, als ich fünfzehn war. Bald darauf hat er eine neue Familie gegründet.» Alba starrte nachdenklich ins Leere. «Stell dir vor, jede Stufe, die du im Leben erreichst, und immer war bereits jemand vor dir da, der sich den Ort zu Eigen gemacht hat. Egal, wohin ich gekommen bin, Kindergarten, Primarschule, Gymnasium … ich war nie einfach Alba, sondern immer die Schwester von Lorena, Mandala und Karolina. Mit der Zeit hat mich das so genervt.»
«Und hier darfst du zum ersten Mal einfach Alba sein?», fragte Mohammed.
«Ja, zum ersten Mal hinterlasse ich selbst irgendwo Spuren. Siehst du meine Turnschuhe?» Alba hob ihre Füsse und deutete auf ihre ausgetretenen Converse. «Ich bin Kilometer um Kilometer mit ihnen gelaufen, durch den Schutt, den Staub und den Müll von Kairos Strassen. Und es fühlt sich toll an. Alle beschweren sich über Kairos Schmutz, aber ich liebe ihn, er fühlt sich echt an.»
«Du hältst wohl nicht viel vom Weichspülgang?» Alba lachte über den Vergleich.
«Ich wurde viel zu lange weichgespült.»
Der Wind trug ihr Gelächter über Satellitenschüsseln, Gerümpel und Taubenschläge hinweg in den sattblauen Abendhimmel hinaus.
«Hast du vielleicht Lust, die Wüste zu sehen? Der Bruder unseres Freundes Karim heiratet dieses Wochenende in der Oase Bahariyya in der Libyschen Wüste. Du hättest die Gelegenheit, eine ägyptische Hochzeit mitzuerleben.»
Alba jauchzte begeistert auf und klatschte in die Hände. «Sehr gern!» Ian näherte sich ihnen, Mohammed und er tauschten einen Blick.
«Kommst du allein zurecht?», fragte Ian. «Wir gehen auf ein Zimmer.» Alba nickte und schaute ihnen verwundert nach, dann sprang sie auf und steuerte auf die Tanzfläche zu, magisch von der wogenden Menge angezogen. Im gleissenden Licht des Stroboskops liess sie sich von den Rhythmen der Musik mittragen, der Mond am Himmel stummer Zeuge ihrer Hingabe.
Am nächsten Morgen, die Sonne schickte eben ihre ersten Strahlen zur Erde, fuhr Mohammed mit seinem rostigen Wagen bei Alba vor, das Auspuffrohr spuckte dunklen Qualm.
Alba runzelte die Stirn. «Wie weit ist es?»
Mohammed grinste. «Dreihundertsiebzig Kilometer, aber keine Angst, auf dieses Baby ist Verlass», er tätschelte das Lenkrad. «Hüpf rein.»
Alba schmiss ihren Rucksack auf die Rückbank und sank ins Leder des Beifahrersitzes.
«Wollte Ian nicht mitfahren?», erkundigte sie sich. Mohammeds Miene verfinsterte sich.
«Eigentlich schon, aber ich kann dort schlecht mit einem Mann aufkreuzen.»
«Also bin ich dein Alibi?», fragte sie belustigt.
«Ganz genau.»
Sie schossen auf den Kairoer Hochbrücken dahin, schon nach einer Dreiviertelstunde erreichten sie die Aussenbezirke der Stadt. Übergangslos breitete sich die Wüste vor ihnen aus, die Sonne ein hellblasser Ball am Himmel. Eine dünne Linie markierte den Horizont, auf der schnurgerade Strasse in der Ferne flimmerte die Luft vor Hitze, Alba drückte ihre Nasenspitze ans Fenster, braune und ein weisser Fleck tanzten in der Weite, wahrscheinlich ein Beduinenhirte mit seiner Schafherde. Mohammed wich Schlaglöchern aus, der Wagen rumpelte, am Strassenrand dörrte ein ausgemergelter Dromedar-Kadaver in der Sonne. Alba drehte angewidert den Kopf weg, studierte stattdessen Mohammeds markantes Profil, der sein Augenmerk konzentriert auf die Unebenheiten in der Strasse richtete.£
«Dass in dieser unwirtlichen Umgebung Leben überhaupt möglich ist», bemerkte Alba.
«Warts ab, bis nach all den eintönigen Gelb- und Ockertönen plötzlich saftig-grüne Palmenhaine und Felder deinen Blick gefangen nehmen. Surreal wie ein Drogentrip. Dank natürlicher Quellen werden in den westlichen Oasen Datteln, Reis, Zitrusfrüchte, Mangos und Gemüse angepflanzt.» Er räusperte sich.
«In den Oasen ist die Mentalität der Menschen ziemlich anders als in Kairo.»
Er drehte den Kopf zur Seite und sah sie an.
«Sehr viel traditioneller.»
«Kein Sterbenswörtchen über Ian, ich verspreche es dir.»
«Danke», sagte Mohammed.
«Aber musst du dich nicht die ganze Zeit verstellen?», fragte Alba.
Mohammed zuckte die Schultern.
«Was bleibt mir anderes übrig? Meine eigene Familie ist zum Glück weit weg und durch den Umgang mit Touristen auch ein bisschen offener. Aber hier in der Wüste … « er schüttelte den Kopf. «Ich darf nicht daran denken, was mit mir passieren würde.»

An einer verlassenen Tankstelle machten sie Rast, Alba vertrat sich die Beine, streckte ihre Glieder, ein Staubfilm überzog die Karosserie von Mohammeds Wagen, gern hätte sie mit den Fingerspitzen eine Botschaft darauf hinterlassen. Mohammed tankte, dann schmetterten sie die verbeulten Wagentüren hinter sich zu und Mohammed fuhr an, die Räder gruben sich in den Sand, hinterliessen eine furchige Spur. Nach einer weiteren Stunde Wüstenpiste ragten stämmige Palmbäume in den Himmel, darunter eine Siedlung eingeschossiger Lehmziegelbauten.
«Wir haben es geschafft», sagte Mohammed.
Eine Frau in einem schwarzen Tschador huschte vorbei, als sie die Hauptstrasse entlangrumpelten, sonst wirkte alles sehr ausgestorben.
«Es ist Freitag, alle sind in der Moschee», erklärte Mohammed. «Bei der Familie meines Kumpels wird auch niemand zu Hause sein.»
Sie hielten vor einem schmalen, türkis getünchten Haus.
Das wenige Gepäck hatten sie rasch reingetragen. Mohammed führte sie durch die Küche und öffnete eine unauffällige Tür in einen blühenden Garten. «Ruh dich doch unter dem Zitronenbaum aus, ich komme gleich wieder»
Nach der staubigen Fahrt durch die Wüste hungerten Albas Augen nach Farben, sie konnte sich kaum sattsehen an den verschiedenen Grüntönen der Gewächse, ein Feuerwerk an Chlorophyll. Sie setzte sich auf eine kleine Bank unter dem schattigen Baum, auf dem Tisch daneben gebrauchte Teetassen wie ein Stillleben im Paradiesgarten. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Als sie das erste Mal auf die Uhr sah, war eine Viertelstunde verstrichen. Sie machte eine Runde im Garten, begutachtete den Hibiskusblütenstrauch und die Rosenstöcke, nahm wieder Platz, schlug die Beine übereinander, wippte mit dem Fuss. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte sie Wagentüren knallen, dann erschien Mohammed mit seinem Kumpel Karim, der sie – ganz der Orientale – begrüsste, als hätte sie schon immer zur Familie gehört. Die beiden Männer führten sie ins Haus, das sich langsam mit Menschen füllte, Onkel und Tanten drückten sie an sich, kniffen sie in die Wange, jemand reichte ihr ein Gläschen mit übersüsstem Tee. Sie war erschöpft aber glücklich, als ihr Karim schliesslich das Gästezimmer zeigte. Durch das kleine quadratische Fenster des Lehmhauses beobachtete sie die Sonne, die als Feuerball am Himmel ihren letzten Kampf ausfocht.

Durch ein unregelmässiges, hartnäckiges Hämmern an der Tür schreckte Alba hoch. Sie setzte sich im Bett auf und sah sich im Raum um. Wie lange hatte sie geschlafen? Unverputzte Wände, die grobe Steinblöcke offenbarten. Das Haus von Karims Familie. Sie trottete zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Mohammed stand davor, in ein hellrosa Hemd gekleidet, und grinste breit.
«Bereit für das grosse Fest?», fragte er.
«Ich muss eingeschlafen sein. Wie spät ist es?»
«So gegen elf. Es war so ruhig, ich dachte mir schon, dass du schläfst. Komm mit, du hast sicher Hunger.»
«Gib mir fünf Minuten, ich muss mich rasch umziehen.» Sie ging ins Badezimmer und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht.
«Was soll ich anziehen?», rief sie Mohammed aus dem Badezimmer zu. Dieser wartete immer beim Eingang, klimperte mit den Autoschlüsseln.
«Du kannst anziehen, was du willst, unser Ehrengast bist du so oder so.»
Viel Auswahl hatte sie nicht, und so entschied sie sich für ein geblümtes langes Baumwollkleid und leichte Ledersandalen.
«Vergiss nicht, eine Jacke mitzunehmen», warnte Mohammed, «die Wüstennächte sind frisch.» Sie trippelten durch das verlassene Haus.
«Alle sind schon auf der Hochzeit.» Sie traten ins Freie steuerten zum Wagen, Alba schlang ihr dünnes Jäckchen enger um den Oberkörper.
«Wer ist das eigentlich, der da heiratet?», fragte Alba. Sie kletterten in den Wagen, Mohammed hinters Steuer.
«Das sind Bekannte von uns.»
«Sind die beiden miteinander verwandt?» Alba hatte schon Geschichten von Cousinenheiraten gehört.
Mohammed drehte die Zündung, der Motor sprang an. Er schüttelte den Kopf.
«Aber hier heiratet man doch sehr früh, nicht?»
«Wenn man es sich leisten kann. Aber dieses Brautpaar ist nicht mehr so jung, gewisse … sagen wir, Vorkommnisse, haben den normalen Lauf der Dinge verzögert.»
«Was ist passiert?»
«Du kennst doch Mona? Der Bräutigam war eigentlich Mona versprochen.»
«Die Mona vom Carlton Hill?»
«Exakt.» Mohammed heftete den Blick auf die holprige Strasse.
«Und dann, was ist passiert?»
«Am Morgen des Hochzeitstags war sie verschwunden. Wahrscheinlich haben ihr Soldaten dabei geholfen, in die Stadt zu kommen. Sie hatte nicht mal Geld für ein Busticket. Die ersten paar Tage hat sie auf der Strasse gelebt. Nachdem sie beinahe vergewaltigt worden wäre, hat sie sich bei einer Frauenorganisation gemeldet. Die haben dafür gesorgt, dass sie ein Dach über dem Kopf bekommt.»
«Und wie hat die Familie reagiert?»
Mohammed zuckte mit den Schultern. «Sie tun so, als hätte es Mona nie gegeben.»
«Sie ist verstossen?» Mohammed hielt einen Moment inne.
«Ja, wahrscheinlich nennt man es so. Sie kann nicht zurück. Es wäre zu gefährlich. Der Bräutigam hat lang gehofft, dass sie vielleicht doch noch vernünftig wird.»
Mohammed manövrierte den Wagen geschickt in eine Parklücke und stellte den Motor ab, die Lichter der Scheinwerfer erloschen und machten der Dunkelheit Platz. Alba fühlte ein flaues Gefühl in der Magengrube. «Es muss schlimm sein, keine Familie mehr zu haben.»
Mohammed nickte, seine Gesichtszüge ernst. In einiger Entfernung war ein Zelt aufgebaut, zusammengenäht aus dicken Stoffquadraten, laute, fröhliche Musik schallte zu ihnen herüber.
«Was meinst du, bist du bereit?»
Alba nickte. «Darf ich Fotos machen und filmen?»
«Klar.» Energisch stiess er die Wagentür auf, Alba folgte ihm ins Zelt, die stickige schnitt ihnen den Atem ab, dicht gedrängt standen Leute vor einer Bühne, auf dem Podium thronte das Brautpaar auf zwei prachtvoll geschmückten Stühlen. Das weiss gepuderte Gesicht der Braut wirkte ausdruckslos, puppengleich. Der Bräutigam hatte sein Jackett ausgezogen und die Ärmel des Hemds hochgekrempelt, die Männer der Familie trugen ihn unter lauten Rufen auf Händen durch die Menge. Alba griff nach ihrer Canon und begann die Szene zu filmen, zoomte die glücklichen, schweissgebadeten Männer beim Singen und Tanzen ganz nah heran. Mohammed stellte sie überall als eine gute Freundin aus der Schweiz vor. Sie schüttelte Hände, jemand drückte sie in die Kissen auf dem Boden und stellte ihr überladene Teller mit Hammelfleisch, Reis, Datteln und Fladenbrot vor die Nase.

Als sie zur Toilette musste, führte sie ein Mädchen über eine enge Wendeltreppe ins Innere des angrenzenden Hauses. Der Duft von Patschuli waberte durchs Haus, süsse Mädchen patschten mit ihren Händchen nach ihr und fragten sie nach ihrem Namen, in festliche Stoffe gekleidete Frauen mit Sanduhr-Figuren stiessen Freudentriller aus, weiche Brüste drückten sie an sich. Während Alba durch das Fenster den Mond betrachtete, der wie eine Suppenschüssel am schwarzen Nachthimmel hing, hätte sie jauchzen können vor Glück.

 

Wüstenwind

Die Winde standen gut, Alba blickte durch das Bordfenster in die Ebene. Der Nil, Ägyptens Lebensader, zog sich mitten durch die Landschaft und bewässerte einen Streifen grünes Land. Beim Landeanflug auf Kairo schoben sich die Pyramiden ins Blickfeld. Alba kniff die Augen zusammen, «wie Tobleronestücke», dachte sie, ihr Herz ein wild flatternder Vogel. In der Ankunftshalle eine Horde Männer, die sie bestürmte. «Madam, Taxi, Taxi?» oder «You are looking for hotel?» Etwas abseits stand ein älterer Herr mit Stirnglatze, in der Hand hielt er ein Schild mit ihrem Namen. Sicher dirigierte er sie zum Ausgang, lautlos glitt die Scheibe auseinander, Backofengluthitze. Auf der Autofahrt in die Stadt riss Alba die Augen weit auf, die durch schlanke Pfeiler gestützten Hochstrassen schienen in der Luft zu schweben, unberührt vom mächtigen Verkehrsstrom, der sich Tag für Tag darüberwälzte. Alba konnte nicht anders, sie musste einfach das Fenster runterkurbeln und ihr Gesicht in den warmen Fahrtwind halten. Als sie den in der Sonne glitzernden Nil erblickte, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie den Mut für das hier tatsächlich aufbringen würde. Vor einer Woche hatte sie noch langweilige Sekretariatsarbeiten ausgeführt, stumpfsinnige Routine! Der Blick auf die flachen, sandfarbenen Dächer der Stadt machten sie schwindlig, ein Meer an Satellitenschüsseln wie an den Horizont geklebt und Hunderte von Minaretten, dicke Finger, die in den Himmel ragten. Das hier war der Orient, der seine Tore für Alba öffnete und sie war bereit, hindurchzuschreiten. Dieses Land bot ihr die Chance, die sie einfach packen musste.

Zum Haus gehörte ein alter Holzlift mit einem Metallgitter, der schepperte und nur bedächtig Fahrt aufnahm. Als sie im achten Stock aus dem Lift trat, erschien eine junge Frau im Türrahmen.

«Du musst Alba sein.» Die Französin Sophie hatte sich in Kairo auf ihr Praktikum beim Roten Kreuz in Palästina vorbereitet, nun würde Alba die frei werdende Wohnung übernehmen, mit den hohen Decken und dem rotbraunen Steinboden atmete sie den Geist einer anderen Zeit. Der staubige, leicht verwitterte Zustand verlieh der grossen 3-Zimmerwohnung Charme, denn die Wüste war nah. Der grösste Vorzug des Apartments war jedoch die geräumige Terrasse, die sich küchenseitig erstreckte. Von dort bot sich eine atemberaubende Aussicht über die Dachlandschaften Kairos. «Mein Adlerhorst», dachte Alba, das Glück ein Flächenbrand im ganzen Körper.

«Die Wohnung gehört einer über 80-jährigen Frau. Sie vermietet sie ausschliesslich an Europäer, welche vorübergehend in der Stadt sind. Komm, ich zeige dir noch die Küche.» Sophie führte sie in die Benutzung des Gasherds und der «Entsorgungsluke» ein, durch diesen Schlitz wurden Haushaltsabfälle geworfen. Mit einem lauten Scheppern landeten sie irgendwo im Innenhof des zehnstöckigen Gebäudes.

«Möchtest du Tee?», Eilig räumte Sophie einige Modezeitschriften von der Küchenbank, damit Alba sich setzen konnte.

«Gern, danke.» Sophie liess Wasser in einen Teekocher sprudeln, stellte ihn auf den Herd, drehte den Schalter und entzündete das herausströmende Gas geübt mit einem Streichholz. «Wie sind sie eigentlich so, die Ägypter?», fragte Alba, betont beiläufig.

«Kein anderes Volk kann dir so auf den Grund deiner Seele blicken», antwortete Sophie, Schranktüren klapperten, als sie zwei Glastassen herausnahm. Für Alba klang das recht rätselhaft. «Verscherze es dir nicht mit dem Bauwäb. Er ist der Wächter des Hauses und kann dir das Leben schwer machen.» Der Bauwäb, in jedem Kairoer Wohnhaus eine Institution, war der Hausmeister, aber auch der Aufpasser, nachts schützte er den Eingang vor Eindringlingen. Alba vermutete, dass Sophie von dem mürrischen bärtigen Mann in der Eingangshalle sprach, der vorhin in einer langen Galabeja an ihr vorbeigeschlurft war. «Steck ihm einfach jedes Mal, wenn du abends spät nach Hause kommst, ein paar Giney zu.»

Bis zu Sophies Abreise am nächsten Tag nächtigte Alba auf dem Sofa, aber sie fand keinen Schlaf. Das T-Shirt klebte ihr am Körper, der Ventilator kämpfte gegen die brüllende Hitze. Im Morgengrauen, als sie endlich eingedöst war, wurde sie von einem langgezogenen Ruf wieder geweckt. Der auf- und absteigende Ton bahnte sich einen Weg durch das Meer der Stille und brandete wie Gischt an eine Küste. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den wogenden Gebetsrufen, bis sie abklangen und schliesslich verebbten, um wieder einer sich ausbreitenden Stille Platz zu machen.