Sitting on my eyelashes

Wie ist es, wenn man seine Stimme verliert, sei es auch nur für ein paar Stunden? Unfreiwillig aufs Zuhören beschränkt, sieht man die Dinge plötzlich klarer. Obschon neulich nur noch ein Krächzen aus meiner Kehle kam, wollte ich mir das Ausgehen nicht nehmen lassen und fand mich Grog trinkend an der Bartheke wieder. Mit meinen Freundinnen unterhielt ich mich, indem ich Satzfragmente auf Zettelchen schrieb. Obwohl meines wichtigsten Ausdrucksmittels – meiner Stimme – beraubt, fühlte ich mich im Gespräch in der Gruppe nicht eine Nanosekunde lang unverstanden. Meine Freundinnen besassen die Fähigkeit, die Satzfragmente, die ich notierte, in den richtigen Kontext zu setzen, mühelos, wie selbstverständlich. Nie gab es auch nur ein einziges Missverständnis. Staunend musste ich erkennen, dass eine grosse Freundschaft wie ein lebendiger Organismus ist, der Fehlendes fortlaufend ergänzen kann. Meine Freundinnen sind die Stellvertreterinnen meiner aussetzenden Sinne. Würde ich mein Gehör verlieren, meine Freundinnen würden mir ihre Ohren leihen. Würde ich meine Fähigkeit zu riechen einbüssen, meine Freundinnen gäben mir mit ihren Nase den Duft der Welt zurück. Würde ich erblinden, meine Freundinnen machten mir mit ihren Augenpaaren die Welt wieder sichtbar.

In der Geschichte haben nicht alle Denker die Freundschaft so positiv bewertet. Der französische Philosoph Jacques Derrida zum Beispiel soll in einer der berühmtesten Aussprüche über Freundschaft gesagt haben: «Oh meine Freunde, es gibt keine Freunde!» Immanuel Kant hat das später umformuliert in: «Keine Freundschaft kongruiert völlig mit der Idee der Freundschaft.» Nach diesem Denkmodell wäre das Ideal von Freundschaft unerreichbar und somit eher als ein Kanon von Richtlinien zu verstehen, der aufzeigt, wie Menschen miteinander umgehen sollten.
Freundschaft als ein Gebot des guten Umgangs miteinander – der Gedanke ist nicht neu. Bereits in der antiken Philosophie hatte die Tugendhaftigkeit der Freundschaft ihren festen Platz. Aristoteles begründet dies so: «Der Tugendhafte verhält sich zum Freund wie zu sich selbst, denn der Freund ist ein anderer ‚er selbst‘. Freundschaft bedeutet, dieselben Grundwerte zu teilen, was ein bedeutsames Gefühl von Gemeinschaft hervorruft. Schreibt man Freundschaft die Bedeutung eines übergeordneten Werte- und Bezugssystems zu, sind wir dem Prinzip von Religion bereits sehr nahe.

Ja, in der Tat: Freundschaft ist mehr, als der Freundin die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn sie über der Kloschüssel hängt. Doch was macht eine grosse Freundschaft aus? Zuallererst die Freiheit. Bereits die antiken Philosophen wussten es: «Allein unsere Freunde suchen wir uns in aller Freiheit.» Freundschaft ist die freiste aller Beziehungsformen. Diese Freiwilligkeit bis zum äussersten lässt Freundschaft so edel erscheinen, verleiht ihr diese fast schon majestätische Anmut. Die Bande mit Eltern oder Geschwistern konnten wir nicht frei wählen. Wir bekommen die Karten zugeteilt und müssen lernen, mit dem Blatt in unserer Hand zu spielen. Freundschaftsbande flattern frei im Wind. Und sie sind begleitet von so viel Ausgelassenheit und Lebensfreude. Dann zum Beispiel, wenn sich «meine bunte Bande» für eine Geburtstagsüberraschung ins Trachtengewand stürzt und am Pfäffikersee von farbigen Kühen singt oder im Februar beschliesst, dem Winter mit einer rauschenden Sommernachtsparty einen kräftigen Todesstoss zu versetzen. Das sind die Momente, in denen mir bewusst wird, wie viel Spass das Leben mit ihnen macht und wie viel ärmer ich wäre ohne sie. Meine Freundinnen sind Künstlerinnen, Lebenskünstlerinnen. Sie wissen ein gutes Leben zu führen. Oder wie der französische Philosoph Michel de Montaigne es einst so schön formulierte: «Ich suche nach keiner anderen Wissenschaft als der, welche von der Erkenntnis meiner selbst handelt, welche mich lehrt, gut zu leben und gut zu sterben.»

Gutes Leben, gutes Sterben – wenn es eine Kunst des Lebens gibt, dann muss die Kunst der Freundschaft eng damit verknüpft sein. Doch grosse Freundschaften können auch gefährlich sein. Dann nämlich, wenn Menschen sich hinter ihren Freunden, die sie als stärker, lebenspraktischer und beliebter wahrnehmen, verstecken wie hinter lebendigen Schutzschildern. Grosse Freundinnen haben breite Schultern, hinter denen man sich ducken kann, um nicht hinaus zu müssen, ins Leben, in die Welt. Im ersten Moment ein artfremder Gedanke: Aber gerade von grossen Freundschaften, die das Potential haben, ein Leben lang anzudauern, muss man sich emanzipieren. Einst hatten alle denselben Ausgangspunkt, waren ein formvollendetes Kollektiv. Doch Freundschaft heisst nicht Gleichschaltung. Individuation ist wichtig, für die Einzelperson, und auch für das Fortbestehen der Freundschaft. Erst wenn in einem Freunde-Kollektiv der Einzelne innerlich frei ist, kann man sich auf der gleichen Augenhöhe begegnen.

«Ich glaube, ich wachse daran», sagt Harry zu Sally. Und Cicero sagt: «Wer die Freundschaft aus dem Leben streicht, entfernt die Sonne aus dieser Welt.» Es gibt nichts im Leben, was vollkommen ist. Doch nichts im Leben ist so nötig wie Freunde, mit denen man gemeinsam meckern, klagen, schimpfen, schreien, lachen und weinen kann.

 

 

 

 

 

Randolph

Randolph sass in seinem Korbstuhl im Garten, er hatte sich einen Sarong um die Hüften geschlungen. Oben trug er ein marineblaues Hemd. Er liess den Blick über sein Anwesen streifen, aus der Ferne drangen Tierlaute an sein Ohr. Zufrieden lächelnd schenkte er sich Whisky nach, leise klirrten die Eiswürfel im Glas. Ja, er hatte sich wirklich etwas aufgebaut mit dieser Farm. Und nun sollte ihm alles genommen werden. Morgen würden die Bulldozer auffahren.

«Randolph?» Eine asiatische Schönheit trat aus dem Haus, in ein Seidenkleid gehüllt, die langen dunklen Haare trug sie offen. Sie trat näher zu ihm heran, einige Haarsträhnen berührten leicht seine Schultern. «Was machst du hier draussen, so ganz alleine?» Randolph seufzte. «Ich weiss nicht. Ich sinniere.» Er dachte an all die rauschenden Feste, die er in diesem Garten gefeiert hatte. Randolph hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, alle paar Monate eine Gartenparty zu geben, zu der regelmässig an die hundert Gäste erschienen. Hier draussen im Busch hatten seine Partys längst einen festen Platz eingenommen im sozialen Leben jener Menschen, die sich diesen verlassenen Landstrich als Kulisse für ihr Leben ausgesucht hatten. «Ein soziales Grossereignis», murmelte er vor sich hin. Und plötzlich traten ihm Tränen in die Augen.

Elaine schien die Geduld zu verlieren. «Komm zurück ins Bett», schnurrte sie. Seit Randolph sich die junge Filipina ins Haus geholt hatte, war einiges in seinem Leben in Schieflage geraten. Die ursprünglichen Landbesitzer, die Ureinwohner, waren vor Gericht gegangen, um ihr Anspruch auf sein Land geltend zu machen, das er der Regierung vor einigen Jahren für einen Spottpreis abgekauft hatte. Und sie hatten Recht bekommen. Morgen würde Randoph also nicht nicht nur plötzlich ein mittelloser, fünfzigjähriger Weisser sein, sondern schlagartig auch seines sozialen Status beraubt. Denn was war ein Farmbesitzer ohne seine Farm?

Behäbig stemmte er sich aus dem Sessel, sein fülliger Leib schränkte ihn in seiner Bewegungsfreiheit ein. Barfuss schritt er über den gepflegten englischen Rasen, der in der Abenddämmerung glitzerte. Die Grashalme kitzelten ihn an den Fusssohlen. Bald würde es ganz dunkel sein. Sein Haus stand auf einer Anhöhe, rund herum war das Gelände abfallend. Bloss ein Zaun trennte ihn von den wilden Schakalen, die ihn nachts mit ihrem Geheule beinahe um den Verstand brachten. Randolph betrat die Villa, sein Papagei schaute ihn vorwurfsvoll vom Käfig aus an und krächzte laut. Lady Montgomery würde er mitnehmen in sein neues Leben, beschloss er. Die Laute des Papageis erinnerten ihn an seine etwas lang geratenen Wanderjahre, die ihn als Matrose auf hoher See durch wilde, unbesiedelte Gebiete der Weltgeschichte geführt hatten. Er musste daran zurückdenken, wie er einst in die Welt hinausgegangen war – jung, naiv, voller Enthusiasmus und Entdeckerfreude.

Eines Tages hatte er ein paar Kleider in einen brauen Lederkoffer gepackt, das elterliche Haus ohne Abschiedsgruss verlassen und den nächsten Zug nach Triest bestiegen. Er war entschlossen, die Welt zu sehen, Erfahrungen zu sammeln, er wollte alles Neue und Fremdartige in sich aufsaugen, ja er wollte LEBEN! Die erste Ernüchterung nach seiner Ankunft in Triest liess nicht lange auf sich warten. Fremde Zungen redeten auf ihn ein, er verstand kein Wort, es war backofenglutheiss und die Gassen stanken zum Himmel. Und erst der Hafen! Der Hafen von Triest war ein Hort von Frivolitäten und Exzessen. Randolph, eben erst der Provinz entkommen, schaute ungläubig dem wilden Treiben am Hafen zu. Waren wurden ein- und ausgeladen, exotische Tiere wie Papageien oder Schlangen standen auf dem Schwarzmarkt zum Verkauf, bärtige Matrosen versoffen ihre Heuer in nur einem–> Abend, Huren bezirzten die willigen Rückkehrer, die mit müden Augen und schwankendem Schritt durch die Hafengässchen wankten. Die Matrosen schienen ein Volk von Gefallenen zu sein, und Randolph befand sich mitten unter ihnen. Klamm wurde ihm ums Herz. Sein Vater hätte ihn geradewegs enterbt, hätte er ihn unter dieser Meute gewusst. Randolph konnte sich gerade noch ein kleines, schäbiges Zimmerchen in einer heruntergekommenen Pension leisten. Durch das kleine Fenster hatte er Blick auf den Golf von Triest und den grenzenlosen Horizont. Heimweh packte ihn, Heimweh nach dem Vertrauten und dem Gefühl, die Kontrolle über sich und sein Leben zu haben. In den Kleidern legte er sich aufs Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlummer, die Natur forderte ihr Recht, trotz des Kummers in seinem Herzen. Besser ging es ihm erst, als er ein paar Tage darauf Heinrich kennen lernte. Heinrich war Deutscher und ging schon seit zwanzig Jahren zu See. Heinrich lehrte Randolph alles, was man über das Matrosenleben wissen musste.

Heinrich sah aus wie Sindbad der Seefahrer. Er war bärtig im ganzen Gesicht, auf seinem muskulösen linken Oberarm prangte ein Anker, und irgendwo hatte er sich noch eine Meerjungfrau tätowiert. An welcher Körperstelle, wollte er Randolph allerdings nicht verraten, und dabei grinste er dreckig, der Goldzahn in der hinteren Reihe blitzte auf. Heinrich bestellte einen Grog nach dem anderen und stellte sie Randolph vor die Nase. «Richtige Seefahrer trinken Grog!», polterte er. Heinrich hatte offenbar einen gewissen Ehrgeiz entwickelt. Einen Ehrgeiz, den ihn, Randolph, betraf. Aus irgendeinem Grund sah er es als seinen persönlichen, inneren Auftrag an, aus Randolph den besten Matrosen aller Zeiten zu machen.

«Lektion eins», sagte Heinrich, «betrifft die Weiber». Randolphs Augen weiteten sich. «Unsereins hat da viel gelernt von den Indianern, drüben, du weisst schon, auf dem anderen Kontinent.» Randolph nickte wie ein beflissener Schüler. «Bist du neu auf dem Gebiet des Weiberns», Heinrich machte eine kunstvolle Pause, «und das bist du, das sehe ich dir an», und er fuhr fort: «verbringst du deine erste Liebesnacht mit einer Frau mittleren Alters.» Randolph musste an seine Mutter denken, ihm wurde eng in der Brust. «Die alten Weiber, die können dir einheizen, das kann ich dir sagen!», Heinrich geriet ins Schwärmen. «In nur einer Nacht bringen die dir alles bei, was du über das Liebemachen wissen musst. Lass die paar Falten Falten sein, das sind die besten Lehrerinnen.» Randolph nickte. «Die zweite Nacht», fuhr Heinrich weiter, «verbringst du mit einem Mann.» Randolph schluckte leer. «Mit einem Mann? Aber…» – «Ich weiss schon was du sagen willst», unterbrach Heinrich ihn abrupt. «Dass du kein Schwanzlutscher bist, nicht wahr», und er lachte aus vollem Hals sein Bärentöterlachen. «Unsereins hat genauso gedacht. Doch darum geht es nicht. Du musst wissen, wie sich ein Mann anfühlt. Nur so kannst du wissen, wie es für die Frau ist. Verstehst du, du musst versuchen, dich in die Weibsdinger einzufühlen, nur so holst du den Anker ein.» Heinrich stutzte. «Du weisst doch, was ich meine, wenn ich sage, den Anker einholen?» Randolph wollte sich vor Heinrich nicht blamieren. «Padääm, du weisst schon, das Schiff klar machen, die Segel hissen….» – «Ach so, ja klar», sagte Randolph kleinlaut. «Die dritte Nacht und letzte Nacht», sagte Heinrich in feierlichem Ton, «verbringst du mit einer jungen, bildschönen Frau.»

Randolph lächelte in der Erinnerung an Heinrich, während er ein Feuer im Kamin entfachte. Der Gedanke munterte ihn auf. Was für ein derber Seebär Heinrich gewesen war! Manchmal dachte Randolph voller Wehmut, dass seine Seefahrerzeit doch die beste Zeit seines Lebens gewesen war. Die Holzscheite gerieten in Brand, nun konnte er das Feuer seinem Schicksal überlassen. Randolph setzte sich in den Schaukelstuhl vor dem Kamin und schaute in die züngelnden Flammen, der Tigerkopf zu seinen Füssen blickte ihn aus glasigen Augen an. An alle Ratschläge vom guten alten Heinrich hatte er sich nicht gehalten, ein guter Matrose war er trotzdem geworden. Doch wenn Heinrich wüsste, dass Randolph nun sesshaft geworden war! Er würde sich im Grab umdrehen. Denn Randolph war sich sicher, dass Heinrich inzwischen von den Haien gefressen oder von den Indianern enthauptet worden war. Unter Matrosen galt nur ein gewaltsamer Tod als ehrenhafter Tod. Die grösste aller Sünden war aber, sich irgendwo niederzulassen, gar nicht davon zu reden, Herr über Ländereien zu sein so wie Randolph. Aber wer hätte auch ahnen können, dass er mit dem Verkaufen von Staubsaugern ein Vermögen machen würde.

Als Staubsaugerverkäufer war Randolph geschäftlich in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Irgendwann hatte er eine Vorliebe für vornehme Hotels entwickelt. In jeder Stadt suchte er instinktiv die exklusivste Adresse auf. Die livrierten Kellner und die Wohlgerüche gaben ihm immer das Gefühl, zwei Zentimeter über dem Boden zu schweben. Zudem war er für Ästhetik schon immer sehr empfänglich gewesen. Hotellobbys bedienten seiner Meinung nach diesen – seinen – Sinn für die Wohlgestalt der Dinge. Kurz gesagt: Randolph mochte es gerne geschmackvoll. Ganze Nachmittage konnte er damit zubringen, in der Lobby zu sitzen, Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen. Und abends nach dem Eindunkeln wechselte er nahtlos über in die Bar. An Hotelkomplexen schätzte er vor allem, dass er nie weit zu gehen brauchte bis zur nächsten Sinnesfreude. Meistens schloss er in Windeseile Freundschaft mit dem Kneipenwirt und wusste bald Bescheid über Anzahl und Namen dessen Kinder, Erfolg oder Misserfolg ihrer Schulkarrieren und den Zustand seiner Ehe. Randolph war ein geselliger Mensch, der überall, wo er war, sofort Leute um sich scharte. Mit seinem wilden Sinn für Humor hatte er etwas Gewinnendes an sich, zudem strahlte er etwas Freigebiges, Grosszügiges aus. Diesen Eindruck wurde nicht selten dadurch bestätigt, dass er wildfremden Menschen Drinks bezahlte. Ja, in der Tat: Randolph wusste, wie man es krachen liess. So war es auch an jenem Abend gewesen, als Elaine in sein Leben trat.

Die dunkelhaarige Schönheit war ihm sofort aufgefallen, wie sie in der schummrigen Hotelbar in der Ecke sass und an einem Sektkelch nippte. Randolph hatte bereits ordentlich getrunken und befand sich in jenem gefährlichen Zustand, in dem er, selbst wenn er sich anstrengte, nicht mehr genau sagen konnte, in welcher Stadt er sich gerade befand. Hongkong, Saigon oder war es doch Manila gewesen? Die Schönheit dieser Asiatin betörte ihn, sodass er auf der Stelle nüchtern wurde. So erging es ihm jedes Mal, wenn ihm eine Frau wirklich gefiel. Er gab sich innerlich einen Schubser und näherte sich der dunkelhäutigen Schönheit. Irgendwie gelang es ihm, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Elaine schien mässig interessiert, und Randolph begann zu schwitzen. Doch so schnell wollte er sich nicht geschlagen geben. Er bezahlte ihr Cocktail um Cocktail, in seiner Erinnerung trank sie sich durch sämtliche Farben des Regenbogens. So zum Affen hatte er sich schon lange nicht mehr gemacht für eine Frau! Doch es war ihm gleichgültig. Diese unnahbare Aura, mit der sich die Asiatin umgab, machte sie für Randolph nur noch begehrenswerter. Sein Jagdinstinkt war geweckt.

Irgendwann begannen sie sich zu küssen, zuerst zärtlich und dann immer leidenschaftlicher. Die Lippen der Asiatin schmeckten nach Erdnüsschen und Mandarinchen, eine ganz eigenartige Kombination, die ihn bis heute an diese erste Nacht mit Elaine erinnerte. Elaine war eine sehr sanfte Liebhaberin, ihr zarter, filigraner Körper umschlang den seinen mit viel Zartheit und gleichzeitig mit dem richtigen Mass an Druck. Ihre Haut war butterweich und schimmerte seiden, die sachte Berührung ihrer Haarspitzen auf seiner nackten Haut verursachte ihm Gänsehaut. Elaine war eine ausdauernde Liebhaberin, sie umschloss seine Härte mit ihrem Mund und liess ihre Zungenspitze kreisen, nur um kurz vor dem Höhepunkt von ihm abzulassen. Ein Mal. Zwei Mal. Zehn Mal. Randolph war wie von Sinnen. Der Genuss dauerte die ganze Nacht und ergoss sich irgendwann gegen Morgengrauen in einen ekstatischen Höhepunkt. Randolph hatte nie ganz verstanden, warum die Natur es so angelegt hatte, dass der Höhepunkt auch gleichzeitig immer der Schlusspunkt war.

Etwas endete, und etwas Neues begann. Elaine sah im erbarmungslosen Licht des anbrechenden Tages kein bisschen weniger bezaubernd aus. Ihre Nacktheit war nur durch ein blütenweisses Bettlaken verhüllt. Trotzdem schien sie von der ganze «Morgen-danach-Situation» völlig unbeeindruckt zu sein. Randolph schob den Gedanken, dass sie wirkte, als wäre das nicht ihre erste Nacht in einem fremden Fünfsternebett gewesen, weit von sich. «Woher kommst du?», fragte er, im Bemühen, etwas mehr über sie zu erfahren als ihren Namen. «Ist das so wichtig?», gab sie zurück. «Bist du fremd hier in der Stadt?», versuchte er es weiter. Inzwischen war ihm auch wieder eingefallen, dass er sich in Saigon befand. «Und als nächstes fragst du mich, ob ich dir die Stadt zeige?» Elaine zerwühlte ihm die Haare, stand auf und machte sich auf den Weg ins Bad. Ihr kleiner brauner Hintern schwenkte beim Gehen hin und her. In diesem Moment wusste Randolph, dass er dieser Frau verfallen war.

Später – Elaine wachste wohl gerade ihre Beine oder war mit anderen Geheimnissen der weiblichen Schönheitspflege beschäftigt – versuchte Randolph krampfhaft, sich auf die Verhandlung mit einem wichtigen vietnamesischen Geschäftspartner zu konzentrieren. Sie sassen in der Hotellobby über Akten gebeugt, als eine Berührung ihn am Arm streifte. Elaine stand vor ihm, in ein schwarzes, ziemlich knappes Kleid gehüllt, die Lippen mit einem pflaumenfarbenen Lippenstift geschminkt, und schaute ihn vielsagend an. Randolphs Herz setzte einen Takt lang aus. Die Höflichkeit erforderte natürlich, dass er die fremde Frau mit seinen Geschäftspartnern bekannt machte. Und weil alles andere in einem solchen Kontext unangemessen, um nicht zu sagen unmoralisch gewesen wäre, sah Randolph sich gezwungen, Elaine kurzerhand als seine Ehefrau vorzustellen. Elaine schien zufrieden und streckte den Herren lächelnd die Hand hin.

Randolph war nie verheiratet gewesen. Und das lag nicht nur daran, dass er nie die richtige Frau getroffen hatte. Randolph glaube nicht an die Ehe. Er hielt für etwas für Schwächlinge, die mit der Einsamkeit nicht umgehen konnten. Eine Ehe war für ihn eine Rettungsweste, auf die er nicht angewiesen war. Schliesslich konnte er schwimmen. Darüber dachte er jetzt nach, während er auf dem Rücksitz eines gelben Taxis durch die Nacht brauste. Randolph liebte es, in der Dunkelheit der Nacht durch Millionenmetropolen zu brausen. Wenn er nicht schlafen konnte, liess er sich manchmal stundenlang herumfahren. Einzutauchen in den Sog einer Stadt, die blinkenden Werbetafeln vorbeischnellen zu sehen, am Besten zu den dröhnenden Beats einer fremden Welt aus dem Autoradio. Es versetzte ihn in einen eigenartigen Rauschzustand, gleichzeitig fühlte er sich besänftigt. Den Rhythmus der Stadt zu spüren, die Stadt einzuatmen, alles vom Taxifenster aus.

Heute Nacht allerdings kurvte er nicht aus Schlaflosigkeit kreuz und quer durch Saigon, sondern aus einem Fluchtbedürfnis heraus. Seine neue «Frau» Elaine wartete im Hotel auf ihn, wollte sich von ihm zum Sushi essen ausführen lassen. Es wurde später und später, doch Randolph konnte sich einfach nicht dazu durchringen, zu ihr ins Hotel zurückzufahren. Er fühlte sich dieser plötzlichen Zweisamkeit nicht gewachsen. Ihre Art, ihn zu vereinnahmen wie Land, das sie zu besetzen fest entschlossen war, versetzte ihn in Panik. Sie Kolumbus. Er Amerika. Und doch war er zu schwach, um mit den Kanonenkugeln aufzufahren, ihr Einhalt zu gebieten und zu verhindern, dass sie ihre Flagge ins Sediment rammte. Es war der fünfte Tag seit ihrer Begegnung und seine Rastlosigkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Seine Nerven waren zum Bersten gespannt. Er betrachtete die Bilder, mit denen der Taxifahrer der Innenraum seines Autos ausgeschmückt hatte. Bilder, von denen er glaubte, dass sie Teheran zeigten. Randolph beschloss, dass er schon immer mal in den Iran gewollt hatte.

Bei seiner Ankunft in Teheran empfing Randolph ein wolkenverhangener Himmel, es regnete in Strömen. Er kultivierte eine Mini-Depression. Beim Gepäckband musterte ihn ein anderer Flugpassagier mit Bart und Lederjacke so eindringlich, dass Randolph sich unbehaglich zu fühlen begann. Er überlegte, wie er zu erkennen geben konnte, dass er in freundlicher Absicht gekommen war. Schliesslich nahm er sein Büchlein mit Gandhi-Zitaten hervor, das er für solche Notfälle immer dabei hatte, und tat so, als würde er darin lesen. Er hoffte, dass Gandhi auch im Iran ein Begriff war. Der Bärtige mit den dunklen Augen nahm seinen Koffer vom Band und trat näher an Randolph heran. «Müssen Sie in die Innenstadt? Mein Bruder wartet draussen, um mich abzuholen. Sie können mitfahren.»

Sein neuer iranischer Freund Agmal und sein Bruder schlugen noch einen kleinen Abstecher an eine Party vor. Randolph erklärte sich einverstanden, schliesslich hatte er keine Pläne. «Wir nehmen dich mit an eine sehr iranische Party», sagte Agmal und lachte. Das Haus sah von aussen unbewohnt aus. Kein Licht brannte, kein einziges Auto stand vor dem Haus. Sobald sie ausgestiegen waren, trat der Bruder aufs Gaspedal und fort war er. Randolph wurde es unbehaglich zumute. Agmal führte Randolph ums Haus herum und dort durch den Hintereingang in den Keller. Als sie den feuchten Kellerraum betraten, staunte Randolph nicht schlecht: Er war in eine illegale Pokerrunde geraten, an langen Tischen sassen Frauen in Kopftüchern und gambelten um die Wette. Die modischen Kopfbedeckungen waren im Eifer des Spielens nach hinten gerutscht und offenbarten einzelne Haarsträhnen. Einige der Männer spielten mit, andere standen im Kreis und tranken Hochprozentiges. In diesem Land spielte sich das wahre Leben im Hinterzimmer ab, das wurde Randolph auf einen Schlag bewusst.

Sein Gastgeber führte ihn zu der kleinen improvisierten Bar und schenkte ihm Whisky ein. «Es gibt in diesem Land nur noch etwas, das sündhafter ist als Frauen und Alkohol», sagte er. «Glücksspiele.» Agmal grinste und trat zu einem der Tische. «Poker ist die Lieblingsbeschäftigung iranischer Frauen.» Randolph blickte in die Runde. Vier junge Perserinnen schauten ihn aus grossen mandelförmigen Augen an. In der Mitte häufte sich bereits einen Berg Dollarnoten. Sie forderten ihn zum Mitspielen auf. Da Randolph kein Bargeld für den Mindesteinsatz auf sich trug, zog er hilflos sein zerfleddertes Gandhi-Exemplar aus der Jackentasche. Ein Raunen ging durch die Runde. «Hast du noch mehr Bücher dabei?», bestürmten die Frauen ihn aufgebracht. Eine packte ihn sogar am Kragen. Schützend hielt Randolph seine Hände vors Gesicht. «Nein, nichts mehr. Nichts mehr.» Als die Karten ausgeteilt wurde, wichen Spass und Ausgelassenheit einem plötzlichen Ernst. Randolph verlor sein Gandhi-Exemplar in der ersten Runde.

Randolph ging an die Bar, um sich etwas zu erholen. Eine junge Iranerin mit einem blumenbedruckten Kopftuch setzte sich neben ihn und zog eine Zigarre aus der winzigen Handtasche. «Jeder Frau ihre Romeo&Juliet», sagte sie und machte sich daran, die Zigarre zu entzünden. Sie schmauchte genussvoll und taxierte ihn dabei eindringlich mit ihrem Blick. «Du bist mit Agmal hier, nicht wahr?» Randolph bejahte. «Wir haben uns vor einer Stunde am Flughafen kennen gelernt.» – «Und was führt dich in den Iran?» – «Kulturelles Interesse», sagte Randolph schnell. Die fremde Zigarrenraucherin wedelte mit ihren rot lackierten Fingernägeln, um die Glut zu erhalten und seufzte resigniert. «Schätzchen, dafür bist du hier am falschen Ort.» Ihr Kopftuch war ihr auf die Schultern gerutscht, doch sie liess es gewähren. «Die kulturellen Reichtümer werden dem Verfall ausgeliefert. Alles, wofür sich die Regierung interessiert, ist, uns am Denken zu hindern.» – «Und – denkst du trotzdem?», wagte Randolph zu fragen. «Ich muss. Es wäre fahrlässig, es nicht zu tun», sagte die Iranerin und drückte die halb gerauchte Zigarre im Aschenbecher aus. Sie rutschte vom Barhocker. «Doch das gefällt hier nicht allen. Nimm dich in Acht, es gibt immer wieder Razzien bei solchen illegalen Versammlungen», sagte sie noch. Dann war sie weg. Randolph wurde es mulmig und er beschloss, dass es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen war, in den Iran zu kommen. «Ein heisses Pflaster, dieses Iran», liess er Elaine per sms wissen. Als er aufblickte, schaute er geradewegs in den Lauf einer Pistole.

Randolph schüttelte ungläubig den Kopf, während er das Tigerfell mit dem Fuss streichelte. Manchmal konnte er heute noch nicht glauben, dass er das tatsächlich erlebt hatte. Diese Geschichte hatte Potential, er stellte sich vor, wie er sie in kalten afrikanischen Winternächten seinen Enkeln erzählen würde. Elaine hingegen hasste die Geschichte. Sie glaubte, er wollte ihr damit weh tun, schliesslich war er damals wegen ihr in den Iran geflüchtet. Er seufzte. Ja tatsächlich, damals war er wirklich mit einem blauen Auge davongekommen.

Sie hatten ihn auf den Polizeiposten gezerrt und ihn vier Stunden lang einzeln verhört. Doch weil ihm keine aufrührerischen Absichten nachgewiesen werden konnten, liessen sie ihn laufen, mit der Auflage, das Land innerhalb der nächsten 24 Stunden zu verlassen. Das erste Flugzeug, das er erwischen konnte, ging nach Dar es Salaam. Tansania – warum nicht? Er wollte einfach nur weg. Mit angespannten Nerven nahm er seinen Sitzplatz ein und wartete, bis die Maschine abhob. Eine Frau mit schulterlangen Haaren tauchte in seiner Reihe auf. «Hier sitzt Thaddäus Mistletoe», sagte sie und deutete auf den Sitz in der Mitte. «Ich nehme immer den Gangplatz.» Und schon wuchtete sie einen weissen Cellokoffer auf den Sitz zwischen ihnen. «Der Sitz ist bezahlt», sagte die Cellistin und zwinkerte ihm zu.

Randolph lauschte auf das Brummen der Triebwerke, er schaute aus dem Fenster aufs Wolkenmeer, auf dem Sitz neben sich ein mannshohes Cello mit einem sonderbaren Namen. Die Cellistin schlief mit offenem Mund. Er kam sich idiotisch vor. Als das Essen serviert wurde, war die Cellistin wieder munter. «Wissen sie, ich muss dem Cello immer einen Namen geben.» Sie unterhielten sich über das Instrument hinweg. «Die brauchen einen fürs System.» Vielleicht war die Frau doch nicht so durchgeknallt, wie er anfangs befürchtet hatte. «Ich habe nie verstanden, warum ein Cello so gross sein muss», brummte Randolph, während er ein Stück Poulet kaute. «Bis froh, dass ich nicht Harfe spiele.» Als der Pilot durch die Lautsprecher den Landeanflug auf den Flughafen von Dar es Salaam ankündigte, sass Randolph auf dem Mitteplatz und unterhielt sich angeregt mit der Cellistin. Grosszügig wie er war, hatte er Thaddäus Mistletoe den Fensterplatz überlassen.

Und so hatte er den Boden Tansanias zum ersten Mal betreten, mit einer Konzertcellistin und einem Cello namens Thaddäus Mistletoe im Schlepptau. «Mother Africa», jauchzte Barbara, kniete sich runter und küsste den Boden. Okay, vielleicht war die Cellistin doch etwas durchgeknallt. Das Gute an der Bekanntschaft mit Barbara war, dass sie hier jeden kannte. Und sie verlor keine Zeit, ihm alle einflussreichen Leute vorzustellen. Gleich am ersten Abend nahm sie ihn mit den Klub, der nur Mitgliedern Eintritt gewährte. Barbara hatte sich für diesen Abend herausgeputzt, sie trug ein gewagtes grünes Kleid mit Seitenschlitz. «Weisst du, Randolph, manchmal bin ich etwas einsam», vertraute sie ihm an. Aus einem Grund, den er selber nicht kannte, begann er Barbara von der jungen Filipina zu erzählen, die er brüsk in Saigon zurück gelassen hatte. «Du musst sie heiraten», lallte Barbara, und hängte sich an Randolph. Den letzten Gin Tonic hätte sie nicht mehr trinken sollen. Sie weinte fast. «Du musst…. sie…… heiraten», insistierte sie. «Du liebst sie doch», sagte Barbara beschwörend, bevor sie zu schluchzen begann: «Ich wünsche mir doch nur einen Mann, mit dem ich einen Weihnachtsbaum kaufen kann. Kein Auto, kein Haus, nur einen gemeinsamen Weihnachtsbaum!», und dann legte sie sich hin und war Sekunden später auch schon in einen tiefen Schlummer gefallen. Barbara sägte auf dem Teppich des Klubs wie ein bärtiger Waldschrat.

Ob Barbara wohl einen Mann gefunden hatte, mit dem sie einen Weihnachtsbaum kaufen konnte?, grübelte Randolph. Es kam ihm vor, als würde es bereits Jahrzehnte zurückliegen, seit er nach Tansania gekommen war. Im gleichen Klub hatte er einen Bekannten von Barbara, einen Staatsangestellten, kennen gelernt, der ihm die Farm zusammen mit den umliegenden Ländereien verkauft hatte. Randolph seufzte. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er in kalten Winternächten nie mit seinen Enkeln um dieses Kaminfeuer sitzen und ihnen all die verrückten Geschichten seines Lebens erzählen würde. Er hielt inne. «Elaine?» Es war plötzlich seltsam still im Haus. «Elaine?» Er stand auf und ging ins gemeinsame Schlafzimmer. Die weissen Bettlaken waren zerwühlt, Elaines Seidenkleid lag auf dem Boden. Das Zimmer war leer. Elaine war weg.

Der gelb-grüne Papagei im Schaufenster des kleinen Barbiergeschäfts krächzte ununterbrochen einen englischen Namen. Es hörte sich an wie «Lane.» «Halt den Schnabel, Lady Montgomery!», tönte es energisch aus dem Laden. Ein Mann mit strähnigem langem Haar hantierte darin mit Schere und Kamm an der Haarpracht eines Kunden herum. Heute war viel Betrieb, schliesslich wollte sich jeder für das Weihnachtsfest herausputzen. Weihnachten wurde auf den Philippinen gross gefeiert. Für die Festlichkeiten mussten Bärte gestutzt, Brauen gezupft und Haaröl aufgetragen werden. Der Duft von Seifenlauge lag in der Luft. «Sie haben aber einen schönen Weihnachtsbaum hier im Laden», bemerkte eine Kundin anerkennend, die unter der Trockenhaube eine Zigarette rauchte. Der Barbier lächelte zufrieden. «Randy the Barber», stand in bunten Lettern an der Aussenfassade des kleinen Geschäfts.

 

Die Riemen der Schultasche und die Tränen

Mit den Händen an den Riemen der Schultasche und ohne zu weinen und mit gleichmässigen Schritten ist jemand, der einmal ich war, den Schulweg nach Hause getrottet, dieses eine Mal ohne die Staketen des Zauns am Wegrand abzuzählen, zum ersten Mal unter die Menschen gefallen, und manchmal weiss man also doch, wann es angefangen hat, wie und wo, und welche Tränen zu weinen gewesen wären.

out of: Malina, Ingeborg Bachmann, S. 22

Kreatives Schreiben: Neue Kurse ab 22. Oktober

Kreatives Schreiben Grundstufe

Suchen Sie den Zugang zu Ihrer Sprache? Im Schreibraum experimentieren wir mit verschiedenen Methoden des kreativen Schreibens und beobachten, was es mit uns macht. Dabei lassen wir uns inspirieren, von Bildern und Klängen, geschenkten Wörtern oder Sprachspielen. Nach jeder Schreibanregung können die entstandenen Texte vorgelesen und besprochen werden. Im Vordergrund steht die Lust am Schreiben.

Wann: Samstagvormittag, 9 bis 11.50 Uhr
Wo: Migros Klubschule Oerlikon
Termine: sechs Mal ab 22.10.2016
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Geplatzte Träume

Fahles Licht drang durch die Vorhänge ins Zimmer, erst gegen Morgengrauen hatte der Verkehrsstrom abgeflaut und Alba war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Im Dämmerzustand nahm sie eine leichte Berührung an der Schulter wahr, verschwommen registrierte sie Monas Gesicht dicht vor ihrem, ihr Haar war wieder unter das Kopftuch gebändigt, die Kreolenohrringe abermals angesteckt. «Ich gehe nach unten und trinke schon mal einen Chai», sagte sie sanft. «Um neun Uhr sollten wir losfahren können.» Alba fühlte sich gerädert, die wirren Träumen liessen sich kaum zurückdrängen und krallten sich an den Rändern ihres Bewusstseins fest. Sie richtete sich im Bett auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht, mit aller Kraft stemmte sie sich aus dem Bett und trottete ins Badezimmer.

Im Frühstücksraum war Mona in die Morgenzeitung vertieft, vor sich eine dampfende Tasse Schwarztee. Sie hob den Kopf, als sich Alba an den Tisch setzte, ihr Blick prüfend.
«Wie hast du geschlafen?»
«Miserabel.» Alba stützte ihr Kinn auf, die Augenlider zuckten. «Es verfolgt mich. Bei jedem vorbeifahrenden Auto dachte ich, es ist Eric.»
Mona faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie auf das fleckige Tischtuch. «Möchtest du, dass ich ihn anrufe?»
Albas Körper verkrampfte sich. «Was soll das bringen?» Sie schluckte. «Ich kann nicht mehr nach Kairo zurück. Meine Angst ist zu gross.»
Mona führte ihr Glas an die Lippen, pustete hinein, dann nahm sie vorsichtig einen Schluck.
«Und, was hast du vor?»
Alba zuckte die Schultern.
«Vielleicht fahre ich auf den Sinai und dann weiter nach Israel.»
«Und dann?»
Alba senkte den Blick, spielte mit den Stofffäden des Tischtuchs, die vom Saum baumelten.
«Von Tel Aviv aus gibt es Direktflüge in die Schweiz.»
«Bist du dir sicher?» Mona lehnte sich nach vorn, zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich kurz eine senkrechte Falte. «Gib ihm nicht so viel Macht über dich. Heute Abend erreichen wir Siwa und warten im Hotel auf Mohammed und Dylan. Lass uns dann nochmals darüber sprechen.»
Alba nickte, pustete gedankenverloren in ihren heissen Tee. Die klebrige Süsse weckte sie und schien die schlechten Träume zu vertreiben. Sie ass sogar etwas Joghurt und Fladenbrot, mit einem Messer köpfte sie das hart gekochte Ei und musste zuerst an Eric, dann plötzlich an Abbas denken. Sie führte einen Teelöffel mit der labbrigen Substanz zum Mund, hielt mitten in der Bewegung inne, liess ihn wieder sinken, ihr Magen verkrampfte sich. Voller Ekel schob sie den Eierbecher von sich weg. «Von mir aus können wir los.»

Die Strasse führte der Küste entlang nach Westen, zu ihrer Rechten ein schmaler Streifen künstlich bewässertes Land, zur Linken erhoben sich die Dünen. Umzäunte Ferienanlagen, aber statt Touristen nur Bungalows, von denen der Putz bröckelte, in der Mitte ein Pool mit trübem Wasser. Mancherorts waren erst die Grundmauern in den begrünten Boden eingelassen. Alles wirkte verlassen, trostlos, in der Luft die Atmosphäre drohenden Unheils. Monas Handy klingelte, «Aiwa?», antwortete sie und schob das Gerät zwischen ihre rechte Wange und den Stoff ihres Kopftuches. Der tiefe Klangteppich ihrer Stimme mit den Kehllauten lullte Alba ein, sie betrachtete ihre Freundin im Profil, beide Hände fest am Lenkrad, den Blick konzentriert auf die Fahrbahn gerichtet, in ein intensives Gespräch vertieft. Von Zeit zu Zeit überholten sie einen Wagen. Alba sank immer tiefer in eine Wolke des Schweigens, während sie ihren Blick über die maroden Bauten wandern liess, alles Zeugnisse geplatzter Träume. Ab und zu tauchte ein Parkplatz auf, die blechernen Karosserien leuchteten im hellen Sonnenschein, schwarzglänzende Offroader standen neben verbeulten Wagen aus zweiter oder dritter Hand.
«Für die Strände muss man Eintritt bezahlen», bemerkte Mona, dann fiepte ihr Handy erneut. Sie murmelte eine Entschuldigung. «Aiwa?» und war schon wieder in ein neues Telefongespräch verwickelt, manchmal zeigte sich die senkrechte Falte zwischen ihren sorgfältig gezupften Brauen. Alba verstand einzelne Wörter wie «Habibi», «Elhamdullilläh», und immer wieder «meshi, meshi» (in Ordnung). Nach einer halben Ewigkeit erreichten sie die Randbezirke von Marsa Matru, Flachdachbauten und Satellitenschüsseln, der Verkehr wurde dichter, Mona setzte den Blinker und brachte den Wagen an einer Tankstelle zum Stehen, Schweissperlen glänzten auf ihrer Stirn.
«Hier müssen wir volltanken, danach fahren wir bis Siwa nur durch Wüste.» Alba nickte, stiess die Wagentür auf, streckte ihre starren Glieder. Dann steuerte sie auf das Gebäude zu, «Wo ist die Toilette?», fragte sie den Tankstellenwart auf Arabisch, er zeigte auf die Hinterseite des Baus. Danach kaufte sie bei einem jungen Mann mit abstehenden Ohren Wasser, Chips und zwei Pappbecher Kaffee. Mona stand mit dem Rücken an der   Kühlerhaube, ein Fuss aufgestützt.
«Zucker?», doch diese lehnte dankend ab. «Am liebsten trinke ich ihn Schwarz.» Sie nahm einen kleinen Schluck. «Ich habe vorhin mit Mohammed telefoniert. Er fährt noch heute nach Heliopolis und schaut nach, ob Eric noch in Kairo ist.
Albas Magen krampfte sich zusammen. «Aber …»
«Ich habe ihm gesagt, dass wir Eric brauchen wegen Abbas, und das entspricht ja der Wahrheit.»
«Er ist bestimmt schon über alle Berge.»
«Dieser Feigling», zischte Mona.
«Willst du Rania auf ihn hetzen?», fragte Alba mit dem Anflug eines Lächelns.
«Warum nicht?» Mona legte ihren Kopf in den Nacken und leerte den Becher in einem Zug.
«Lass uns fahren. Wir haben noch dreihundert Kilometer vor uns.»
Im Zentrum zweigte eine Strasse ab, auf dem verwitterten Wegweiser ineinander verschlungene Arabische Schriftzeichen. «S-I-W-A», entzifferte Alba halblaut.
«Das ist die einzige Strasse, die durch die Quattara-Senke führ», sagte Mona. «Sie existiert gar noch nicht so lange, sie zu bauen hat zehn Jahre gedauert.»
Vom besiedelten Landstrich erreichten sie übergangslos Wüstengebiet, topfeben und gleissend hell, Alba wurde schwindlig, rote Lichtpunkte tanzten vor ihren Augen. Sie kniff die Augen zusammen, suchte den Horizont vergeblich nach einer Regenwolke ab. Sie fühlte sich wie ein in der Sonne vor sich hintrocknender Salamanderkadaver, zusammen-geschrumpft, saftlos, verwelkt. Verdorrte Zweige von Buschwerk ragten in den hellen Himmel wie spitze schwarze Finger, beim Anblick dieser kilometerweiten Ödnis krampfte sich Albas Brust zusammen, die extreme Enge nahm ihr fast den Atem. In dieser offenen Landschaft fühlte sie sich ungeschützt und verloren, wie ein Nichts in einem Meer aus Nichts.
«Das hier ist doch kein Ort zum Leben», murmelte Alba gedankenverloren, stützte sich mit dem Oberarm auf den Fensterrahmen.
Mona zuckte die Schultern «Mikroformen von Leben sind auch unter diesen extremen Bedingungen möglich, du solltest die Wüste sehen, nachdem es geregnet hat, überall spriessen winzige Gräser, bilden einen wunderschönen grünen Teppich.»
«Wie oft regnet es?»
«Praktisch nie. Südägypten ist sogar noch regenärmer. Siebenjährige Kinder wissen dort nicht, wie sich Regen anfühlt.»
«Ich fühle mich ausgewrungen und ausgetrocknet.»
«Es wird besser. Denk an Gorhan. Kannst du dir vorstellen, wie sehr er sich freuen wird, uns zu sehen?»
Sie schossen auf der einsamen Strasse dahin, weit und breit keine Spur von Mensch oder Tier. Mona runzelte die Stirn.
«Siehst du das da vorne?» Mona deutete mit dem Zeigefinger durch die Windschutzscheibe auf die schnurgerade Strasse. Ein Wolkenband in Gelb- und Ockertönen türmte sich in einiger Entfernung vor ihnen auf, schien näher zu kommen. Ein Wind frischte auf, durch das offene Autofenster wirbelte er Alba durch das Haar und zerrte Mona am Kopftuch, Sandverwehungen landeten auf der Kühlerhaube und auf der Strasse, Mona drosselte das Tempo, das Auto holperte, kam zum Stehen, der Motor erstarb.
«Ein Sandsturm», sagte Mona, in der Stimme ein Anflug von Panik. «Schliess das Fenster.»
Alba kurbelte am Fenstergriff, jedoch in die falsche Richtung, sodass sich die Scheibe noch mehr senkte, Sand drang ihr in Augen, Mund und Nase, alles um sie herum wurde gelblich, es verschlug ihr den Atem. Sie verlor den Griff, fieberhaft tastete sie die Innenwand nach der Kurbel ab, «schliess das verdammte Fenster», hörte sie Mona gegen das Heulen des Windes rufen. Plötzlich spürte sie, wie Mona über ihren Schoss hechtete, die Kurbel packte und kurbelte, sie hatte ihr Kopftuch gelöst, den Stoff presste sie sich vor Mund und Nase. Die Scheibe glitt in die Abdichtung, eine unheimliche Stille breitete sich in aus, heftig schlug der Wind gegen den Lancia. Mona atmete schnell, kroch auf ihren Platz zurück, richtete ihr Kopftuch. «Ohne ein Tuch vor Mund und Nase bist du verloren.»
«Es tut mir leid.»
«Kein Ding.»
Mit Sand gefüllte Luft rollte heran, türmte sich vor ihnen auf. Die Winde zerrten am Wagen, schüttelten ihn heftig, Alba fühlte sich wie in einem Kokon, trotzdem tastete sie schutzsuchend nach etwas, woran sie sich festhalten konnte.
«Hier drin sind wir sicher», versuchte Mona Alba zu beruhigen. «Hast du gesehen, ein Kopftuch hat doch nur Vorteile?» Sie brachen beide in Lachen aus, es löste die Anspannung.
«Kommt das häufig vor?», fragte Alba.
«Für diese Jahreszeit ist es eher ungewöhnlich.»
«Wie lange kann das dauern?»
Der Wind zerrte an den Seitenspiegeln.
«Ein paar Stunden wahrscheinlich.»
Alba spürte, wie sich ein Kloss im Hals bildete. Ihr Blick fiel auf die Wasserflaschen zu ihren Füssen.
«Hoffen wir, dass das Wasser reicht.»
«Im Notfall trinken wir das Kühlwasser», sagte Mona.Alba schluckte leer und lauschte schweigend dem Pfeifen des Windes.

Paranoia

Alba streifte die Kleider ab, liess sie achtlos zu Boden sinken. Nackt ging sie zum Schlafzimmerfenster und öffnete es. Ihr Blick wanderte über das ordentlich gemachte Bett und die frisch gewaschenen Kleider auf dem Stuhl. Es war ihr, als wäre sie eine Ewigkeit weggewesen. In der geöffneten Fensterscheibe spiegelte sich ein heller Mond, fast voll. Sie machte kehrt und ging ins Badezimmer, die Neonröhre flackerte nervös auf, dann erlosch sie. Alba entwich ein Fluch. Zum Glück spendete der Mond etwas Licht durch das Fenster. Sie stieg über das kleine Mäuerchen in die Dusche, alte Rohre schlängelten sich der Mauer entlang, der Putz bröckelte. Sie drehte den Wasserhahn auf, das kalte Wasser strömte auf ihren Kopf und den Körper, sie schloss die Augen, spürte, wie sich Schmutz, Fett und Schweiss von der Haut ablösten, der Abfluss gurgelte, als das Dreckwasser kreisend darin verschwand. Sie drehte den Hahn ab, angelte sich ein Handtuch, trocknete sich ab und trat aus der Dusche, da bemerkte sie, wie sich ein dunkler Schatten an der Wand abzeichnete. Sie stiess einen spitzen Schrei aus.
«Schhh, ich bin’s», sagte eine Stimme. Im Licht zwischen Dunkel- und Helligkeit erkannte sie Erics Silhouette.
«Eric, du hast mich zu Tode erschreckt.» Sie presste ihr Handtuch an den Körper, mit der anderen Hand stützte sie sich an die Kacheln, ihr Atem raste.
«Es tut mir leid», meinte er reumütig. Ich habe deinem Bauwäb gesagt, er soll mich anrufen, wenn du nach Hause kommst. Ich muss dich sprechen.»
«Bist du wahnsinnig?» Albas Herz pochte immer noch. Ihre Nacktheit und die Enge des Badezimmers verstärkten ihren Drang, wegzukommen.
«Ich möchte mir etwas anziehen.»
«Klar.» Zielstrebig steuerte sie zum Ausgang, als sie an ihm vorbeiging, beugte er sich mit dem Kinn zu ihr hinunter.
«Hallo, übrigens.» Er wollte sie küssen, doch Alba drehte den Kopf weg.
«Setzen wir uns ins Wohnzimmer.»
Später sassen sie sich gegenüber, Alba in einem schmalen schwarzen Baumwollkleid mit Spaghettiträgern.
«Seit wann rauchst du?», fragte sie.
Eric zog gierig an einer Zigarette, seine Finger zitterten, als er sie zum Mund führte und einen Zug nahm. «Ach», er machte eine wegwerfende Handbewegung. «Das ist nur vorübergehend.» Er stiess den Rauch aus. «Hör zu, ich bin bedroht worden.»
«Du bist was?»
«Man hat mich vor meinem Haus abgefangen, mich brutal geschlagen und gewürgt, bis ich fast keine Luft mehr bekommen habe.» Seine Augen flackerten nervös. Erst jetzt erkannte Alba die Schrammen unter seinem linken Auge.
«Sie haben mich immer wieder als Verräter beschimpft. Sie müssen herausgefunden haben, dass ich Abbas kenne.»
Alba wurde kreidebleich. «Das ist ja schrecklich.»
«Mit dem Innenministerium ist nicht zu spassen. Ich glaube kaum, dass meine Akkreditierung verlängert wird, geschweige denn mein Visum.»
Er machte eine Pause. «Ich habe bereits mit den Leuten in London gesprochen. Sie wollen mich in den Libanon versetzen. Dort ist die Stimmung völlig anders. Dort könnten wir so richtig zusammen sein.»
Alba starrte Eric an, wie gelähmt.
«Komm mit mir in den Libanon», fügte er mit Nachdruck hinzu.
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
«Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen?»
«Nein», presste sie heraus.
«Was meinst du mit nein?»
Alba stellte sich vor, wie sie im Libanon Erics Haushalt besorgte und Stunden damit verbrachte, auf ihn zu warten. Sie schüttelte heftig den Kopf, der Gedanken war ihr lästig wie eine nervige Fliege.
«Ich will nicht. Hier in Kairo habe ich ein Netzwerk. In Beirut kenne ich niemanden.»
«Aber wir haben doch uns
Alba lachte auf. «Mach dich nicht lächerlich.»
Glaubst du immer noch, dass ich etwas mit dieser langweiligen Fernsehtussi hatte? Willst du mein Telefon nach irgendwelchen Indizien durchsuchen?» Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. «Hier, tu es!»
«Ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt.»
Er pflanzte sich vor ihr auf. «Und wohin soll ich deiner Meinung nach gehen? Seit diese Leute zu mir nach Hause gekommen sind und mich an meinen eigenen Küchenstuhl gefesselt haben, finde ich keine Ruhe mehr, bei jedem Geräusch zucke ich zusammen, jedes Rascheln alarmiert mich. Und wenn ich vor lauter Müdigkeit doch einmal einschlafe, träume ich, dass mir mit brennenden Eisenstäben die Augen ausgestochen werden.»
«In deiner Paranoia fällt dir also plötzlich ein, dass du mich brauchen könntest?», blaffte sie ihn an.
«Auf wessen Seite stehst du eigentlich?» Er fasste sie an den Handgelenken und drückte zu. Panik stieg in Alba auf.
«Lass mich sofort los», ihre Stimme bebte.
«Einen Dreck werde ich tun.»
Er umklammerte ihr Handgelenk noch härter, wie im Schraubstock und begann damit, feuchte Küsse auf ihren Hals zu verteilen.
Alba drehte den Kopf weg, wand sich, aber er war stärker.
«Eric, hör sofort auf.»
Er schubste sie zum Sofa. Alba schrie, er presste seine Hand auf ihren Mund, erstickte ihre Schreie. Er schlug sie hart ins Gesicht, stiess sie aufs Sofa, öffnete den Gurt seiner Hose.
«Bitte nicht, Eric …», winselte Alba, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Alba stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, es gelang ihr aufzustehen, sie machte ein paar Schritte, stolperte, er bekam sie zu fassen und schleifte sie zurück auf Sofa, kniete sich auf sie, mit einer Hand presste er ihr die Hand auf den Mund, mit der anderen riss er ihr den Rock hoch, Alba hörte das Reissen von Stoff, ein quälender Schrei drang aus ihrer Kehle, als er gewaltsam in sie eindrang, heisse Tränen glitten an ihren Schläfen herunter, glänzten im silbernen Schein der Nacht.

Drunken phone call

Doch Alba lehnte höflich ab, freute sich auf einen schönen Abendspaziergang. Zu Fuss ging sie der Strasse entlang, verbeulte Wagen rauschten an ihr vorbei, spuckten Abgaswolken in ihr Gesicht. Sie liess ihr Blick über das Meer schweifen, ein dramatischer violett-roter Himmel ging ins dunkle Blau des Ozeans über. Sie starrte über die endlose Weite des Meers, irgendwo dort lag Europa, so nah und doch unendlich fern. Vor dem Ausbruch des Syrienkriegs hatte man via Autofähre von Alexandria nach Athen oder Venedig gelangen können. Eine Welle Heimweh schlug über Alba zusammen, ihr Herz verkrampfte sich. Sie sehnte sich nach der Sicherheit und Vertrautheit ihres eigenen Landes, aus der Ferne betrachtet kam ihr die Schweiz vor wie eine gütige Grossmutter mit runden Hüften und gehäkelten Tischdeckchen, vielleicht etwas träge und langweilig, aber verlässlich und wohlwollend. Sie wühlte in ihrer Tasche, suchte ihr Handy, plötzlich hielt sie einen zerknüllten Zettel in der Hand, in Abbas gleichmässiger Schrift war darauf der Name eines Fischrestaurants geschrieben. Tränen schossen ihr in die Augen, sie blickte zum Horizont, wo die Sonne gerade als glutroter Feuerball im Meer versank, ein Tränenschleier vernebelte ihr die Sicht und nässte ihre Wangen, als sie auf dem unbefestigten Strassenbelag über Schutt und Geröll stolperte.

Das Fischrestaurant war mitten in die Altstadt gequetscht, «sämäk» in schwungvollen arabischen Buchstaben auf die Tafel geschrieben. Sie legte die Sonnenbrille auf den Tisch, die Augen verquollen, suchte sie mit der Tasche auf den Knien nach einem Taschentuch. Dabei fiel ihr das Handy in die Hand. Sie schaltete es ein, es leuchtete. 23 missed calls von Eric. Sie putzte sich gerade lautstark die Nase, da schrillte das Handy erneut, die vier Buchstaben von Erics Namen blinkten auf, aggressiv und fordernd.

«Hallo?», antwortete Alba müde.
«Warum gehst du nie ran?», zischte Eric vorwurfsvoll.
«Ich bin in Alex. Ich hatte doch das Interview mit Professor Abla.»
«Na und? Ich habe ständig Interviews», er pausierte, mit schwerer Zunge fuhr er fort: «Deswegen musst du nicht gleich dein Handy ausschalten.»
«Bist du etwa angetrunken?»
Er ignorierte ihre Worte, lallte stattdessen: «Das kann dich dein Leben kosten.»
«Was ist los mit dir?» Alba stellte sich Eric vor, wie er in der winzigen Küche seines Einzimmerapartment sass, sein Haar sorgfältig verstrubbelt, vornüber gebeugt, den Kopf aufgestützt, vor sich ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit.
«Gerade wir Ausländer sind im Visier der Geheimpolizei. Wir könnten ja Spione sein», höhnte er.
Alba wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
«Hast du etwas von Abbas gehört?»
«Er soll verlegt werden», sagte er, durchs Telefon hörte sie, wie er einen Schluck nahm.
«Ich habe mit seiner Mutter gesprochen.»
«Verlegt? Wohin?» Albas Herzschlag trommelte gegen ihren Brustkorb.
«In ein Wüstengefängnis.» Er lachte bitter. «Als wäre Tora nicht schlimm genug.»
«Was passiert jetzt mit ihm?»
Eric grunzte. «Er wird einem Richter vorgeführt. Wenn er Glück hat, bekommt er vorher noch Einsicht in seine Anklageschrift.» Er machte eine Pause. «Alba?»
«Ja?»
Ich habe deine Stimme vermisst.»
«Du bist betrunken.» Ohne ein weiteres Wort hängte sie ein. Ihre Hand zitterte leicht, als sie ihr Handy zurück in die Tasche schob. Ein leichter Wind frischte auf, als der Kellner das Essen brachte, ein Fisch verströmte einen Geruch, der ihr Übelkeit verursachte. Sie rümpfte die Nase, schob den Teller weit von sich weg.

Wogende Wellen

Die zweistündige Zugfahrt im klimatisierten Zweitklasseabteil hatte an grünen Feldern und arbeitenden Fellachenfamilien durch das fruchtbare Niltal geführt. Kaum in Alexandria angekommen, winkte Alba eines der leuchtend gelben Taxis herbei. «Zur Bibliothek», sagte sie zum schnauzbärtigen Taxifahrer und rutschte auf den Sitz. Ungeduldig klammerte sie sich an die Sitzlehne des Beifahrersitzes und reckte den Hals, um etwas von den engen Strassen der Altstadt mit den ineinander verschachtelten Gebäuden zu sehen. Obwohl die Stadt nördlich von Kairo lag, strahlte sie ein südliches Flair aus.

«Wo ist das Meer?», fragte sie den Taxifahrer. Er lachte, nahm eine Hand vom Steuer und bewegte sie beschwichtigend auf und ab. «Gleich, gleich.» Als sie bei Rotlicht über eine Kreuzung schossen und dann die Uferstrasse entlangfuhren, breitete sich der glitzernde Ozean vor ihr aus, kleine Schiffchen schaukelten wie helle Wattebausche auf dem Wasser. Irgendetwas in Albas Brust öffnete sich, wurde weit, all der Druck der letzten Zeit fiel von ihr ab, in Alex rauschte der Verkehr gemächlicher, die Leute fuhren anständiger, «liebliches Alex», murmelte Alba, kurbelte das Fenster herunter und atmete die salzige Meeresluft ein. Einen Moment lang schloss sie die Augen, als sie wieder öffnete, erblickte sie eine grosse Möwe, die gerade ihre Schwingen ausbreitete und zum Flug ansetzte.

In einer Kurve hielt der Fahrer und deutete auf das Bauwerk direkt an der Strasse. «Das ist die Bibliothek.» Alba reichte ihm einen Geldschein, bedankte sich und knallte die Tür hinter sich zu. Eine flache Treppe führte zum Eingang des imposanten Gebäudes, mit seinen terrassenförmigen Treppenstufen und der Glaskuppel erinnerte es Alba an eine Muschel. Der Professor erwartete sie bereits.

«Der Meerzugang macht Alexandria zu einer offenen Stadt», sagte Mahmoud Abla. «Das meine ich durchaus auch geistig. Seit jeher haben sich hier Künstler und Intellektuelle niedergelassen und sich von der Umgebung inspirieren lassen, Alexandria ist Schauplatz zahlreicher Romane», fuhr er fort. Ist das Ihr erster Besuch?», fragte der weisshaarige Mann.

Alba nickte. «Alexandria scheint wirklich etwas ganz Besonderes zu sein.»

«Miss Wolf, wie kann ich Ihnen helfen?», fragte der Professor.

Alba räusperte sich. «Zuerst möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen um mich zu empfangen. Ich drehe einen Dokumentarfilm über sexuelle Belästigung in Ägypten, und daher gelange ich an Sie, Ihr Forschungsinstitut setzt sich ja mit diesem Thema auseinander.»

«Miss Wolf, hier in unseren Räumlichkeiten treffen sich jährlich über tausend Leute aus aller Welt, um in Podiumsdiskussionen und Referaten über das Problem der sozialen Ungleichheit zwischen Mann und Frau unter den Geschlechtern zu diskutieren. Im Grunde ist allen klar, dass wir zuerst dieses Problem lösen müssen, bevor wir uns an die anderen Themen wagen können.»

Albas Telefon vibrierte in der Tasche, der Professor hob die buschigen Augenbrauen. Schnell griff Alba in ihre Handtasche, Eric, las sie auf dem Display. Sie drückte ihn weg, murmelte eine Entschuldigung.

«Aber schauen sie sich einmal den Rest der Welt an, sind Frauen da wirklich frei? In China und Indien zum Beispiel ist die Lage fast noch prekärer als bei uns, und wenn Sie einen Blick auf die Industrienationen werfen, nehmen wir zum Beispiel die USA, England, Deutschland oder Schweiz: Sind die Frauen da wirklich gleichberechtigt?»

Alba neigte den Kopf zur Seite, dachte nach. «Gesellschaftlich gesehen vielleicht nicht, aber vor dem Gesetz schon.»

«Das sind sie bei uns hier in Ägypten auch.»

«Ach ja?»

«Das Problem ist, dass es immer darauf ankommt, wie die Gesetzestexte ausgelegt werden. In vielen Industrienationen ist die Präambel  «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» im Gesetzesbuch verankert, und trotzdem wird sie immer mit Füssen getreten.»

«Wissen Sie, ich bin jetzt 23 und verstehe immer noch nicht weshalb.» Der Professor lachte ein lautes Bärentöterlachen. «Ich bin 73 und verstehe noch nicht warum.»

Sein Gelächter ebbte ab, er wurde wieder ernst: «Es hängt mit der biologischen Fähigkeit der Frau zusammen, Leben zu gebären. Mutterschaft ist eine Wahl, aber der Preis dafür wird nur von den Frauen in dieser Gesellschaft bezahlt.» Erst jetzt fielen Alba die schöne Farbe seiner Augen auf. «Bitte verzeihen Sie mir den Vergleich, aber erst wenn wir unsere Kinder im Internet bestellen können, sind Mann und Frau wirklich gleichberchtigt.»

Wieder blinkte das Telefon in ihrer Tasche, das sie inzwischen stumm geschaltet hatte. Möglichst unauffällig griff sie erneut in ihre Tasche, dieses Mal stellte sie das Telefon ganz aus. «Eine Frau ist einem Mann an Mut ebenbürtig», sagte Alba, fast trotzig.

«Sie sind der lebendige Beweis für diese These. Eine Frau ist nicht wie der Mond, sie hat ihr eigenes Licht. Aber zumindest in diesem Teil der Welt hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt.»